Titel, Tränen, Sensationen Der Sonnenland-Cup hat auch 2020 großes Spektakel geboten: eine Reportage in fünf Akten.

Titel, Tränen, Sensationen Der Sonnenland-Cup hat auch 2020

Von Sebastian Lippert und Alexander Augustin

j145 Tore, 20 internationale Top-Klubs und 1200 Zuschauer auf der Tribüne: Der 21. Sonnenland-Cup der Brauerei Hacklberg für C-Junioren hat die Region begeistert. Sportlicher Sieger des Wettbewerbs in der Passauer Dreiländerhalle war der FC Bayern München, die Highlights aber sind zahlreicher: ein Turnier in fünf Kapiteln.

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Gerhard Müller lässt die Enttäuschung gar nicht erst zu. Der Trainer der U15 des SV Schalding eilt zu seinen Jungs, drückt einige von ihnen, andere klatscht er energisch ab. Sekunden zuvor waren seine Jungs im Viertelfinale des Sonnenland-Cups gegen Mainz 05 gescheitert – auf dramatische Art und Weise.

Neun Sekunden zeigt die Uhr an, als die Zeit für einen Moment stillzustehen scheint. Der FSV Mainz 05 fährt den letzten Angriff dieses Viertelfinals beim Sonnenland-Cup. Zwei Stürmer des SV Schalding-Heining hecheln hinterher, die Abwehr sortiert sich.

Acht Sekunden.

Es steht 0:0, die Chance aufs Halbfinale lebt. Schon das ist eine Sensation; nicht die erste an diesem denkwürdigen Tag. 1200 Zuschauer haben in der Passauer Dreiländerhalle Platz gefunden, der Raum ist am Limit. Die Anspannung auch. Dann kommt Philipp Schulz an den Ball.

Fünf Sekunden.

Die Nummer 8 der Mainzer legt sich den Ball kurz vor, würdigt das Tor des SVS keines Blickes, schwingt das rechte Bein durch und zieht von außerhalb des Strafraums mit voller Wucht ab.

Vier Sekunden.

Das Leder fliegt an den linken Innenpfosten und von dort ins Netz. Mit brachialer Gewalt reißt ein einziger Schuss die Schaldinger aus einem nie geträumten Traum. Entsetzt schlagen zwei Schaldinger die Hände vors Gesicht, ein dritter sinkt auf den Boden. Der Schiedsrichter reißt hektisch die Hände hoch und formt ein T, um die die ablaufende Spielzeit anzuhalten. Währenddessen verhöhnt Schulz im Siegestaumel das Passauer Publikum: „Ich hör‘ euch nicht!“, brüllt der Mainzer die SVS-Sympathisanten stumm an, indem er seine Zeigefinger in die Ohren steckt. Kurz nach dem Anstoß ertönt auch schon die Sirene. Schluss.

Fotos: Mike Sigl

Das ist die Momentaufnahme. Hängende Köpfe, Tränen in den Augen. Zwei Stunden später aber hatte sich auch beim Letzten die Erkenntnis durchgesetzt, dass dem Außenseiter am 4. Januar 2020 Herausragendes gelungen war: Mit Stolz in der Stimme sagt Gerhard Müller: „Noch nie hat es der SV Schalding beim Sonnenland-Cup ins Viertelfinale geschafft – und dann auch noch ungeschlagen.“ f

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Ärgern wollten sie die Großen: den FC Liverpool, Eintracht Frankfurt, Dynamo Dresden und FC Augsburg. Eine gute Rolle spielen und nach dem Ausscheiden den Profis von morgen zuschauen, mehr hatten sie nicht erwartet. Weit gefehlt. Das 0:0 im ersten Gruppenspiel gegen den FC Augsburg, Tabellenführer der Regionalliga, gleicht einer Infusion frischen Mutes. „Wir waren alle sehr aufgeregt, aber wir hatten ja nichts zu verlieren. Nach dem 0:0 haben wir gemerkt, dass wir mithalten können; auch beim Zuschauen war uns das klar. Dann haben wir einfach ganz normal gespielt“, sagt Paul Stögbauer. Der 14-Jährige sollte eine besondere Rolle einnehmen: Der Abwehrspieler schoss das erste Turniertor der Schaldinger, das 1:0 gegen den Nachwuchs des Champions-League-Siegers aus Liverpool. Mit rechts drosch er den Ball ins linke untere Eck und war von sich und diesem Tor für einen kurzen Moment so überrascht und ergriffen, dass ihm für einen Sekundenbruchteil die Mimik versagte.

„Ich habe gesehen, dass der Spieler nicht richtig zum Ball geht und sofort den Abschluss gesucht.“ Stögbauer erzählt das so sachlich, als spreche er vom Einkauf im Supermarkt. „Gegen Liverpool zu treffen ist schon ’was sehr Besonderes“,  sagt er dann noch. Und ja, das war es! Die Schaldinger verfielen prompt in Trance und kassierten ein Tor zum 1:1-Endstand.

Hinterher baten wir Paul Stögbauer, nochmals über sein Tor zu sprechen:

Um 14 Uhr, fünf Stunden nach Turnierbeginn, stand dann fest, dass der vergleichsweise kleine SV Schalding keins der Duelle gegen die Großen verloren hatte, ja gegen Frankfurt (3:1) und Dresden (3:2) sogar gewann. Nur der hohe Augsburger Sieg über die Reds (4:1) verhinderte einen Gruppensieg des SVS. Am späteren Finalisten Mainz aber, torgefährlichstes Team der Vorrunde (13 Treffer) mit Turnier-Topscorer Nelson Weiper (8 / Foto unten), kam Schalding im Viertelfinale nicht vorbei (0:1).

„Schalding ist nicht der größte Verein“, sagt Paul Stögbauer. „Aber man hat gesehen, dass ein echtes Team manchmal besser ist als die Einzelspieler. Wir haben eine Sensation geschafft.“

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Die Idee war einfach: ein Hallenturnier im Dreiländereck mit internationaler Beteiligung. Über die Jahre wurde der Sonnenland-Cup immer größer und größer, ehe der Wettbewerb für regionale Herren-Mannschaften ganz gestrichen und das Turnier zu einem reinen Nachwuchs-Cup wurde.

Als Teilnehmer-Limit am Hauptturnier etablierte sich eine Anzahl von 20 Teams, Versuche mit 24 resultierten in einem zu langen Tag für Klubs, Helfer und die Zuschauer. So entstand über nun zwei Jahrzehnte ein unvergleichliches Turnier auf Kunstrasen – das jährlich die Top-Nachwuchsteams des Kontinents nach Passau lockt. Alle bisherigen Sieger des C-Junioren-Wettbewerbs in der Übersicht:

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Aus ganz Europa reisen jedes Jahr Teams nach Passau, um sich mit anderen Top-Jugendteams zu messen. Dieses Jahr feierte der norwegische Vertreter Fortuna Oslo Premiere beim Sonnenland-Cup. Doch auch aus Schottland, England, Spanien, Frankreich und vielen anderen Ländern waren bereits Teams am Start. Die Übersicht aller Teilnehmer seit 2012:

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Schon längst in den Notizbüchern steht die Nummer 10 des FC Bayern München: Arijon Ibrahimovic. Der Kapitän traf sowohl im Halbfinale (2:0 gegen Augsburg) als auch im Endspiel (2:0 gegen Mainz) zum wichtigen 1:0 und führte die Roten  zum Titel.

Spieler des Turniers beim Sonnenland-Cup, das ist auch ein Versprechen für die Zukunft. Schon viele heutige Weltstars haben als U15-Jugendliche in der Dreiländerhalle vorgespielt: Mario Götze, Sami Khedira, Joel Matip, die Bender-Zwillinge.

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Auch Arijon Ibrahimovic strebt – selbstverständlich – eine Weltkarriere an. Schon im Alter von fünf Jahren wurde er bei einem Jugendturnier seines älteren Bruders entdeckt. Über die Jugendteams von Greuther Fürth und des 1. FC Nürnberg kam er im Sommer zu den Bayern. Einen Traum hat er sich schon erfüllt: Einmal mit der Nummer 10 für den Rekordmeister auflaufen – auch wenn es nur in der U15 ist.

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Es war der zweite Sonnenland-Cup-Sieg für die Bayern. Der Nachwuchs aus dem FC Bayern-Campus war der verdiente Sieger: Die Mannschaft von Trainer Peter Wenninger kassierte in der K.o.-Phase kein einziges Gegentor – Torverhältnis ab dem Viertelfinale: 10:0. In jenem Viertelfinale fieselten die Bayern den VfB Suttgart, immerhin Sieger des Vorjahres, mit 6:0 ab. Nur logisch, dass Kapitän Arijon Ibrahimovic zum Spieler des Turniers gekürt wurde. Zusammen mit seinem Offensiv-Partner Riccardo Wagner wirbelte er durch die Halle. Auch er hätte sich eine Auszeichnung verdient gehabt. f

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Zuschauer finden beim Sonnenland-Cup in der Dreiländerhalle in Passau Platz – und noch weit mehr hätten gerne zugesehen beim Turner um den 21. Sonnenland-Cup der C-Junioren. Rein rechtlich waren die Veranstalter jedoch gezwungen, gegen 14.30 Uhr die Türen zu schließen: Alle verfügbaren Plätze waren voll.

Tore schoss der schnelle und schon jetzt großgewachsene Mainzer Stürmer Nelson Weiper – in nur vier Vorrundenspielen. Die Nummer 9 hatte den größten Anteil daran, dass der FSV die torgefährlichste Mannschaft der Vorrunde war (13 Treffer).

Treffer wurden insgesamt erzielt. Spitzenreiter bei den Mannschaften: die Bayern. Sie erzielten 20 Tore.

verschiedene Altersklassen konkurrieren in Passau um Siege beim Sonnenland-Cup: Das Turnier wird für F- bis A-Junioren ausgetragen.

Sekunden waren noch auf der Uhr, als der Mainzer Philipp Schulz die Schaldinger aus dem Turnier schoss.

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Große Zufriedenheit herrschte sowohl bei den Veranstaltern als auch bei den Teilnehmer des Sonnenland-Cups 2020. Die Stimmen zum Turnier:

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Felix Hirschnagl, Trainer der U15 des TSV 1860 München: „Ich war das erste Mal hier und bin echt begeistert. Die Organisation hier war überragend, wir haben uns sehr wohl gefühlt. Leider sind wir zu früh ausgeschieden (im Viertelfinale, Anm. d. Red.). Trotzdem fahren wir zufrieden nach Hause.“

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Haziz Aasen, Trainer der U15 von Fortuna Oslo: „Zuhause spielen wir nur Futsal, wir sind das hier nicht gewohnt. Wir wollten uns vergleichen und wissen, wie gut wir gegen diese Mannschaften sind. In Norwegen spielen wir in der ersten Liga dieser Altersklasse. Wichtig ist, dass die Jungs Spaß haben.“

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Das war der Sonnenland-Cup

Von Alexander Augustin und Sebastian Lippert