Keine Zeit für Gott

Keine Zeit für Gott

Viele Menschen halten sich für gläubig. In die Kirche gehen  sie aber nicht, die Zahl der katholischen Gottesdienstbesucher  im Bistum Passau hat sich über die vergangenen 15 Jahre  halbiert. Wieso?


Gläubig sein ohne Kirche


Eine Religion trägt Christian Ertl für immer bei sich. Er hat sie sich unter die Haut stechen lassen – einen Rosenkranz  auf die Innenseite seines Unterarms. Daneben steht die Zeile „Amoi seng ma uns wieder“ aus einem Lied von Andreas Gabalier. Das Tattoo hat der 23-Jährige  seiner verstorbenen Cousine gewidmet. Er ist sehr gläubig, wie viele in seinem Heimatort Sommersberg im Landkreis Regen. In den Gottesdienst geht er trotzdem nur an Weihnachten und Ostern. „Um meinen Glauben zu leben, brauche ich die Kirche einfach nicht“, sagt er.

So wie Christian scheinen immer mehr Katholiken im Bistum Passau zu denken, denn die Zahl der Gottesdienstbesucher hat sich in den letzten 15 Jahren fast halbiert. An zwei Sonntagen werden diese an den Eingängen der Kirchen  gezählt − dieses Wochenende ist es wieder soweit.  Während im Jahr 2000 durchschnittlich noch 103 013 Katholiken kamen, waren es 2015 noch 57 248. Nur 12,1 Prozent der Katholiken gingen  in die Kirche. Im Bistum Regensburg waren es 16  und im Bistum München 9,9 Prozent.

Nach dem Abendgottesdienst tauscht Pfarrer Alois Reiter den Talar gegen die Daunenjacke. „Die Alten sterben und die Jungen kommen nicht mehr“, sagt er. 13 Gläubige haben an diesem Abend mit ihm die Eucharistie gefeiert. Sie haben sich nicht in der großen Kirche in Pocking im Landkreis Passau getroffen, sondern in der Klosterkapelle – einem kleinen Raum mit goldenem Altar und stuckverzierten Wänden. „Hier sind heute nur sehr fromme Leute“, sagt Reiter, nachdem er ein älteres Ehepaar verabschiedet hat. Die beiden bekreuzigen sich, bevor sie die Kapelle verlassen. Sie gehen jeden Tag in die Kirche. „Weil Gott uns alles gibt“, sagen sie. Sie gehören zu einer Minderheit in Pocking. Nur 6,12 Prozent der Katholiken besuchen hier den Gottesdienst.

Pfarrer Reiter hat in den letzten Jahren beobachtet, wie immer mehr Plätze auf den Kirchenbänken leer geblieben sind. Und er weiß, wie es früher war. Bevor er nach Pocking kam, war er Pfarrer in Postmünster, einem kleinen Ort im Rottal. „Dort kannte ich fast alle Gemeindemitglieder persönlich“, erinnert er sich. „Ich habe die Kinder getauft, später in der Schule unterrichtet und sie im Gottesdienst wiedergesehen.“ In Pocking ist er für zwei weitere Pfarrgemeinden zuständig: Schönburg und Hartkirchen. Solchen Pfarrverbänden gibt Alois Reiter eine Teilschuld daran, dass sich die Katholiken immer mehr von der Kirche distanzieren. „Das große Gebiet macht es nicht einfach, für die Menschen da zu sein“, sagt er.

Der Blick in die Statistik zeigt, dass Gottesdienste in kleineren Pfarreien meist besser besucht werden als in großen. In Postmünster gingen beispielsweise im Jahr 2015 durchschnittlich 21,73 Prozent der Katholiken in die Kirche – mehr als im Pfarrverband Pocking.


Unterschied zwischen Stadt und Land


Auch der Unterschied zwischen Stadt und Land spielt eine Rolle. Pocking liegt nahe an Passau. Es gibt große Siedlungen, in denen Menschen wohnen, die in der Stadt arbeiten. Deren Bindung zur Kirche ist oftmals lockerer  als bei Menschen, die in einer Dorfgemeinschaft leben. Dasselbe zeigt sich auch in anderen Gemeinden im Landkreis Passau. Gottesdienste in Gemeinden, die näher an der Stadt Passau liegen, werden schlechter besucht – wie zum Beispiel in Tiefenbach (8,86 Prozent), Salzweg (8,77 Prozent) oder Fürstenzell (7,65 Prozent). Besser ist es  in stadtfernen  Gemeinden, wie zum Beispiel Wegscheid (16,46 Prozent) oder Ortenburg (19,19 Prozent). In Passau gingen 2015 immerhin 12,73 Prozent in die Kirche. Dazu zählen aber auch Touristen, die den Passauer Dom besuchen. Auch den Wallfahrer-Ort Altötting (36,12 Prozent) und den Kurort Bad Füssing (31,46 Prozent) muss man unter diesem Gesichtspunkt betrachten.

Laut Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster, ist der Gottesdienstbesuch auf dem Land  stärker in der Gemeinschaft verankert. „Die Bereitschaft, in die Kirche zu gehen, wird dadurch gestärkt, dass man mit anderen gemeinsam geht“, sagt er. „In der Soziologie spricht man von sozialer Kontrolle, und die ist eben auf dem Land viel stärker als in der Stadt, wo man anonymer sein kann.“ Da solche nachbarschaftlichen Milieus laut Pollack in der modernen Gesellschaft langsam abschmelzen, gehen auch weniger Menschen in die Kirche. Außerdem gebe es  attraktive Alternativen zum Gottesdienstbesuch. „Die Menschen schätzen andere Dinge als wichtiger ein: Familie, Beruf, Freizeitgestaltung. Sie finden Sinnstiftung und Geselligkeit nicht mehr nur in der Kirche.“


Hoffnung auf „Neuevangelisierung“


Dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist man sich auch  im Bischöflichen Ordinariat in Passau bewusst. „Wir wollen keine Wirklichkeitsverweigerer sein“, sagt Klaus Metzl. Der Generalvikar sitzt in seinem großen Büro. Vor dem Fenster  steht eine Statue der Mutter Gottes.  Draußen ragt die Fassade des Doms in den Himmel. „Es wird noch vieles zusammenbrechen, aber dann wird etwas Neues entstehen“, sagt Metzl, lehnt sich lächelnd im Stuhl zurück. Den Erosionsprozess seiner Institution scheint er mit erstaunlicher Gelassenheit zur Kenntnis zu nehmen.

Seine Hoffnung ruht auf einem  Projekt,  das  Neuevangelisierung genannt wird. Das Ziel: eine Rückbesinnung auf den christlichen Glauben. „Viele sind getauft, haben aber persönlich nur mehr wenig mit der Kirche zu tun“, sagt Metzl. „Das bleibt eine Herausforderung, deshalb setzen wir wieder stärker auf geistliches Wachstum.“ Seiner Meinung nach werden kirchliche Feste oft zu oberflächlich gefeiert. „Vor der Kommunion backen die Kinder Brot und basteln Kerzen, bei aller Wertschätzung dafür darf dabei die Botschaft Jesu nicht in den Hintergrund rücken.“ Metzl sorgt sich vor allem um die jungen Katholiken. „Die  haben Taufe, Kommunion und Firmung gefeiert, aber es hat nicht gezündet. Und sie fehlen uns in der Gemeinde.“


Gott auf Facebook begegnen


Weil gerade junge Leute immer seltener in die Kirche gehen,  versucht der Passauer Bischof sie an anderen Orten zu treffen – zum Beispiel im Internet. Auf seinem Facebook-Profil postet Stefan Oster Fotos und Videos von Veranstaltungen im Bistum, oder Texte über den Glauben. Unter dem Motto „B’n’P – Believe and Pray“ bittet er junge Gläubige zum Gebetskreis. Laut Einladung wird dort das Evangelium verkündet, danach gibt es Pizza. Wer will, kann auch über den Nachrichtendienst WhatsApp „spontanen Kontakt zu Gott“ suchen. Das B’n’P-Team schickt per „praymail“ Videos mit Gebetsanregungen aufs Handy.

Zündet das bei den jungen Leuten?  Christian Ertl, der junge Sommersberger mit dem Rosenkranz-Tattoo, findet die Ideen gut. „Die Kirche sollte viel mehr mit der Zeit gehen“, sagt er. Auch im Gottesdienst. Den findet er „verstaubt und altmodisch“. „Wenn ich zehn Jahre nicht in die Kirche gehe, erzählt mir der Pfarrer danach immer noch das Gleiche“, sagt er. Der 23-Jährige wünscht sich mehr Bezug zu seinem Alltag oder Gespräche über aktuelle, gesellschaftliche Themen. Der 23-Jährigen glaubt aber auch, dass ihm neben Arbeit, Freizeit und Treffen mit seiner Freundin vor allem die Zeit für den Gottesdienstbesuch fehlt.


„Drohbotschaften bringen nichts“


Am härtesten trifft dieser gesellschaftliche Wandel die Pfarrer in den Gemeinden. „Der Gottesdienst ist ein Spiegel der christlichen Gemeinschaft“, sagt Alois Reiter, nachdem er die Tür der kleinen Klosterkapelle in Pocking abgeschlossen hat. Damit wieder mehr Leute kommen, feiert er öfter Familiengottesdienste, weil die gut ankommen. Und er versucht, den Menschen mit flexibleren Anfangszeiten entgegenzukommen. „Die eine perfekte Zeit am Sonntagvormittag gibt es eben nicht mehr“, sagt er. „Die einen wollen länger schlafen, die anderen früher Mittagessen.“ Letztendlich müsse eine moderne Kirche aber auch akzeptieren, dass jeder Mensch selbst entscheiden kann, ob er in den Gottesdienst geht oder nicht. „Drohbotschaften bringen nichts“, sagt Reiter. „Uns bleibt nichts anderes übrig, als den Menschen die frohe Botschaft Jesu schmackhaft zu machen.“