Bis in den Tod

Bis in den Tod

Studentenverbindungen genießen in der Öffentlichkeit keinen guten Ruf. Die PNP hat den Senior einer schlagenden Verbindung in Passau  zu Semesterbeginn und beim Fechten begleitet, um sich ein Bild  zu  machen.

„Los!“ Zwei Degen treffen in der Luft wuchtig aufeinander. Ein metallisches Klirren schallt durch das Gewölbe. Johannes Sperschneider und sein Kontrahent kreuzen fünfmal ihre stumpfen Klingen über dem Kopf. „Halt!“ Sperschneider senkt die Waffe und tritt ab.

Der 21-jährige Student nimmt schwer schnaufend seine Maske ab, seine blonden Locken sind schweißgetränkt. Es ist ein Freitagabend. Während andere Studenten gelassen ins Wochenende starten, übt der Senior der  Studentenverbindung Corps Budissa Leipzig zu Passau  mit seinen Corpsbrüdern  Fechten. Kurz kreist und dehnt er seinen Arm, setzt sich die Maske wieder  auf und tritt seinem Fecht-Partner erneut gegenüber.

„Fertig!“ Der stämmige Bursche steht mit  gespreizten Beinen  auf dem Boden, die linke Hand versenkt er hinten im Hosenbund. „Hoch, bitte!“ Er hebt seinen rechten gepolsterten Arm über den Kopf. Sein Oberkörper wird von einem vergilbten Körperschutz aus Watte und Baumwolle verdeckt. „Los!“ Fünfmal schlägt er mit seinem Degen kräftig zu, sein Gegenüber pariert die Hiebe.


Den Kopf bei scharfer Klinge hinhalten


Sechsmal wöchentlich trainiert Sperschneider mit  seinen Burschen in einem leeren, bröckelnden  Gewölbe über einem Restaurant in der Passauer Innstadt, donnerstags  trainiert sie ein Fechtmeister aus München. Das Ziel: fit werden für die Mensur am Ende des Semesters  – eine Fechtpartie mit scharfen Klingen gegen einen Burschen aus einer anderen Verbindung. Bewegen dürfen die Fechter dabei nur ihren Arm mit dem Degen in der Hand. Im Gegensatz zum Training tragen sie keine Maske, sondern Halskrause, Augen-, Arm- und Körperschutz – Schnitte und Narben können vorkommen. Es gehe nicht um Leben und  Tod und auch nicht ums Gewinnen. Moralische Standhaftigkeit beweisen und den  Kopf für die Verbindung hinhalten – das sei der Zweck,  erklärt Sperschneider. Eine Mensur hat er hinter sich, zwei stehen ihm noch bevor.

Nach einer Stunde ist das Training vorbei. Sperschneider geht mit seinen Corpsbrüdern  zurück ins Verbindungshaus, ein umgebautes Gasthaus.

Bevor sie das Haus betreten, hängen sie sich ein Band in den Farben Blau, Gold und Weiß um den Körper – die Couleur. Im Haus, wo Sperschneider mit zwei weiteren Mitgliedern lebt, müssen sie es tragen. Er geht in die Küche, schenkt sich ein Radler ein und setzt sich mit seinen Burschen in den Hinterhof an einen Holztisch. Hinter ihm an der Hauswand steht ein Grabstein. Er  soll an alle verstorbenen Mitglieder erinnern. „Man bleibt ein Leben lang im Corps, bis in den Tod“, sagt Sperschneider, zündet sich eine Kippe an und nippt am Radler.

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Das Wappen des Corps besteht aus dem Stadtwappen von Bautzen (unten), den Corps-Farben Blau, Gold und Weiß (rechts oben) und einem Lorbeerkranz, der von zwei gekreuzten Degen durchstochen wird (links oben), umringt vom Gründungsdatum. In der Mitte steht ein Zirkel.

Seit er im Corps ist, sieht er sich oft mit Vorurteilen konfrontiert. Rassisten und Rechtsradikale  – so denken viele über Burschen. „Ich verstehe nicht, wie man jemanden als rechtsradikal bezeichnen kann, wenn man einen Schwarzen in der Verbindung hat“, sagt Sperschneider und deutet auf einen seiner Corpsbrüder am Tisch. Er betont: „Wir sind kein politisches Corps.“

Er sei wegen der Gemeinschaft in der Verbindung.  Schon sein Opa und Vater waren Burschen, sein Bruder war sogar in zwei Verbindungen. Eine davon war das Corps Budissa in Passau. Sperschneider hatte seinen Bruder besucht, die Corpsbrüder kennen gelernt  und sofort Anschluss gefunden. Im Herbst 2015 zog er aus Oberfranken nach Passau und begann ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Er trat der Verbindung erst als sogenannter Fuchs, als Anwärter bei. Nach einem Semester wurde er für ein Leben lang aufgenommen und zum Senior gewählt, zum Vorsitzenden.


Ein Bier auf ex, um Ordnung zu lernen


Die erste Veranstaltung, die Sperschneider als Senior organisiert hat, ist die Antrittskneipe, die offizielle Semestereröffnung. Rund 30 Männer sind der Einladung  gefolgt. Sie sitzen in einem Saal im Erdgeschoss des Verbindungshauses: aktive und inaktive Mitglieder,  alte Herren und Vertreter anderer Verbindungen. Alle tragen die Couleur über dem Anzug.  In dem düsteren Raum staut sich der Zigarettenqualm unter der Decke. Auf den Tischen liegen Gesangbücher  neben Kerzenständern und großen Karaffen voller Bier. Schwarz-weiße Porträts von Mitgliedern zieren eine lange Wand.

Ein Bursche erhebt sich vom Tisch und verlässt den Raum. Kaum ist die Tür hinter ihm geschlossen, stellt ihm ein anderer eine Halbe Bier auf den Stuhl. Als der Bursche zurückkommt, verzieht er das Gesicht. „Na gut“, seufzt er und trinkt das Bier auf ex. Wer den Stuhl nicht zurechtrückt oder sein Gesangbuch offen lässt, muss trinken. So sollen die Burschen Ordnung lernen. Später nehmen sie es  mit der Ordnung nicht mehr so ernst – da wird gefeiert.

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Bei der Antrittskneipe: Senior Johannes Sperschneider (M.), sein Consenior (l.) und sein Sekretär in marineblauen Uniformen mit Couleur.

„Silencium“, rufen Sperschneider, sein Consenior und der Sekretär. Sie stehen an einem Tisch, gekleidet in marineblauen Uniformen. Auf dem Tisch vor ihnen stehen zwei Kerzenständer, zwischen denen sich Degen kreuzen. Hinter ihnen prangt das Wappen der Verbindung, links und rechts davon  werden  Fenster von Gardinen bedeckt. Im Saal wird es still. Sperschneider sagt das Lied „Die Gedanken sind frei“ an:

Ich liebe den Wein, mein Mädchen vor allem. Sie tut mir allein am besten gefallen. Ich bin nicht alleine, bei meinem Glas Weine. Mein Mädchen dabei, die Gedanken sind frei.

Die Männer singen  voller Inbrunst, obwohl kein Mädchen im Raum  ist. Es wirkt ein wenig wie bei einem Männer-Gesangverein.  Nach der letzten Strophe hebt ein Bursche den Krug: „Auf die Gedanken, Prost!“ 15 Minuten später: „Silencium!“ Lied auf Seite 125, „Die Studentenhymne“:

Student sein wenn die Hiebe fallen im scharfen Gang, der selbst gewählt, im blut’gen Aneinanderprallen der Mut sich für das Leben stählt. Student sein, wenn dein einzig Sorgen, ob fest und tapfer du wirst stehn an deines Leben Wagemorgen. Herr, lass die Zeiten nie vergehen!

Während Sperschneider diese Zeilen singt, ist ihm anzusehen: Er ist Bursche aus voller Überzeugung, ein Leben lang – bis der Grabstein hinter dem Verbindungshaus eines Tages auch an ihn erinnern wird.