Vom Klassenzimmer in den Boxring

Vom Klassenzimmer in den Boxring

Auf den ersten Blick ist Asude Dursun ein ganz normaler Teenager. Sie trifft gerne Freunde, die Schule findet die Gymnasiastin „lahm“, vor allem Mathe und Physik. Was die 16-Jährige von anderen unterscheidet: Sie ist  Kickboxerin beim „Fighting Sports Team Becker“ in Deggendorf. Und als solche hat sie große Ziele: „Natürlich erstmal Europameisterin werden. Und dann Weltmeisterin.“

Wenn Asude über ihre Erfolge spricht, scheint es für Außenstehende schwer zu glauben, dass sie beim Kämpfen keine Gnade kennt. Die Deggendorferin spricht ruhig, ihre Worte wählt sie mit Bedacht. Die schwarzen, lockigen Haare hat sie zu einem Zopf gebunden, hinter der großen Rahmenbrille blickt sie mit wachen Augen hervor.

Obwohl Asude Dursun erst vor drei Jahren mit dem Kickboxen angefangen hat, kann sie schon eine beachtliche Wettkampf-Bilanz vorweisen. Insgesamt bestritt sie 19 Kämpfe. Elf Mal verließ sie die Kampffläche – den Ring oder die Matte – als Siegerin. Im Juniorenbereich, der Wettkampfklasse zwischen 16 und 18 Jahren, ist sie deutsche und bayerische Meisterin im Leichtkontakt, in der Gewichtsklasse bis 50 Kg. Bei ihrem zweiten internationalen Turnier, dem World Cup in Rimini  gewann sie heuer Anfang Juni die Silbermedaille.

Dass sie das Potenzial zum Champion hat, davon ist nicht nur ihr Trainer Kai Becker, Bundestrainer im Vollkontakt, überzeugt, sondern auch die 11-fache Kickboxweltmeisterin Julia Irmen: „Asude ist wahnsinnig gut, technisch auf einem sehr hohen Level. Sie hat ein wahnsinniges Kämpferherz. Wenn sie dran bleibt, kann sie ganz oben mitkämpfen“, sagt die Frau, die im Kickboxen schon alles erreicht hat.

Die Liebe zum Kampfsport liegt Asude Dursun im Blut. Sie ist die jüngste von insgesamt vier Geschwistern. Ihr Bruder trainierte wie der Vater Karate, schaffte es dabei bis zum braunen Gurt, der nach dem schwarzen, der zweithöchste ist. Ihre älteste Schwester war im Judo aktiv. Mit ihrer Begeisterung für das Kickboxen steckte Asude  ihre zwei Jahre ältere Schwester Melda an, die sich zuvor im Thaiboxen probierte, und seit gut zwei Jahren ebenfalls unter der Leitung von Kai Becker trainiert.

Doch was bewegt eine junge Frau dazu, sich in den Ring zu stellen, und mit Fäusten und Füßen gegen jemanden zu kämpfen? „Vom ersten Tag an hat mir das Kickboxen gefallen“, sagt Asude. Davor trainierte sie drei Jahre die japanische Selbstverteidigungsdisziplin Aikido. Dabei versucht man, den Angreifer durch Hebel- und Wurftechniken abzuwehren. „Irgendwann war mir das einfach zu langweilig“, gibt Asude offen zu. Sie wollte etwas Neues lernen, weg vom Verteidigungs-, hin zum Angriffssport.

An ihren ersten Kampf im September 2014 in Hessen erinnert sie sich noch genau: „Ich war aufgeregt, nervös. Dann habe ich gleich so eine Brutale bekommen.“ Da sie im Newcomer-Bereich keine Gegnerin in ihrer Gewichtsklasse hatte, bekam sie eine Kickboxerin vor die Fäuste, die schon kampferfahren war. Angst habe Asude jedoch nicht gehabt. „Ich habe mir gedacht ich kann gut Kickboxen, ich versuche das jetzt mal. Damals war ich noch selbstbewusster als heute bei meinen Kämpfen. Nachdem ich diesen Kampf verloren hatte, hatte ich schon Respekt vor meinen Gegnern.“

„Beim Kickboxen versucht man nicht, dem anderen weh zu tun.“ – Asude Dursun.

Dass ihr Sport in der Gesellschaft teilweise mit Vorurteilen zu kämpfen hat, kann Asude nicht nachvollziehen: „Beim Kickboxen versucht man nicht dem anderen weh zu tun“, stellt sie klar. Es gehe darum, sich im Wettkampf zu beweisen, mit anderen zu messen. „Ich sehe das nicht als Schlägerei, sondern als Sportart, die mir Spaß macht.“ Asude betont: „Ich würde mich niemals schlägern, sondern meine Fähigkeiten nur dann einbringen, wenn mich jemand angreift.“ Das Kickboxen lehre ihr zudem Disziplin und Respekt vor dem Gegner. Das konsequente Training sei gut für die Gesundheit und den Körper. Ernsthaft verletzt hat sie sich bislang noch nicht. „Einmal hatte ich ein blaues Auge, aber das war nicht so schlimm.“

Großen Rückhalt erfährt Asude in ihrer Familie. Ihre Eltern waren von Anfang an „voll dabei“. Melda trainiert nicht nur mit ihrer kleinen Schwester mehrmals die Woche im Deggendorfer Verein, sondern sie begleitet sie auch bei allen nationalen Turnieren. Sie unterstützt Asude dann beim Aufwärmen an der Pratze und feuert sie während der Kämpfe lautstark an. Gleiches gilt, wenn Melda kämpft. „Ich sorge mich um sie, aber ich verlasse mich auf ihr Talent und auf ihre Erfahrung“, sagt die ältere Schwester. Und wenn Asude doch einmal hart getroffen werde, sei es schwierig „nicht auf die Matte zu gehen und ihr zu helfen, wenn sie verprügelt wird.“

„Abends vor dem Schlafengehen, stellen wir uns vor, wie es wäre, wenn wir beide Weltmeisterinnen wären.“ – Melda Dursun.

Die beiden Schwestern halten zusammen. Nach dem Sport sprechen sie beim Nachhausegehen noch über das Training. Was haben sie heute gut gemacht? Wo können sie sich noch verbessern? Wenn es mal nicht so gut lief, trösten und motivieren sie sich, sagt Melda und erzählt: „Abends vor dem Schlafengehen, stellen wir uns vor, wie es wäre, wenn wir beide Weltmeisterinnen wären. Wir glauben, dass wir uns diesen Traum erfüllen können. Doch ich wäre genauso glücklich, wenn nur sie Weltmeisterin wird.“

Zusätzliche Kraft zieht Asude aus ihrem Glauben, dem Islam. Die Religion sei ihr eine wichtige Stütze – im privaten Leben, wie im Sport. An den Festtagen besucht sie mit der Familie die Moschee, vor jedem Kampf spricht sie ein kurzes Gebet – innerlich, um sich zu sammeln. Kraft aus dem Glauben schöpfte auch ihr großes Idol, die Boxlegende Muhammad Ali. Für sie ist der Jahrhundertsportler „einer der korrektesten Menschen der Welt“ gewesen. Sportlich ist er Asude ein Vorbild, wegen der Leichtigkeit in seinen Bewegungen. Menschlich, wegen seiner pazifistischen Grundhaltung und seiner Verweigerung des Militärdienstes.

Doch auch in ihrer Trainerin, der Profikickboxerin Julia Irmen, sieht Asude ein Vorbild. „Julia ist ein cooler Mensch, von dem man viel lernen kann.“ Dass Asude großes Talent habe, sei Irmen schon früh aufgefallen. „Das, was man ihr vormacht, hat sie sehr schnell aufgenommen.“ Asude habe eine Begabung für den Sport, ist sich Irmen sicher. Zudem stimme ihre Einstellung. „Asude ist wahnsinnig ehrgeizig, strebsam und sehr streng mit sich selbst. Asude ist immer unzufrieden. Jemand der wirklich erfolgreich sein möchte, muss so sein. In ihr sehe ich sehr viel von mir.“ Nicht umsonst nennt Julia Irmen sie manchmal im Training „Mini-Me“.

Trotz der Ähnlichkeiten in Bezug auf die mentale Einstellung und den Kampfstil sagt Irmen, dass man die 16-Jährige als eigenständige Kämpferin ansehen soll: „Sie ist definitiv keine Kopie von mir.“ Auch menschlich gebe es Unterschiede. Asude sei ruhiger und zurückhaltender. Verbesserungspotenzial sieht die Weltmeisterin noch in Asudes Kampfführung. „Sie ist momentan noch ein wilder Haudrauf.“ Und dennoch: Irmen ist überzeugt, dass Asude das Zeug zum Champion hat. „Sie hat alle Voraussetzungen, um ganz groß rauszukommen.“ Jetzt gelte es dranzubleiben, sich nicht ablenken zu lassen und wann immer es geht, Kampferfahrung zu sammeln. Und genau deshalb stehen Asude und Melda Dursun am Samstag bei den Bavarian Open in Altötting wieder auf der Matte.