Tuten und Blasen

Tuten und Blasen

Einmal im Jahr pilgern Blasmusik-Fans nach Oberösterreich. Im 1200-Seelen-Dorf Ort im Innkreis findet am letzten Wochenende im Juni das Woodstock der Blasmusik statt. In diesem Jahr war es das sechste Mal.

Die Menschen kommen hier zusammen, um unter freiem Himmel eine Musikrichtung zu feiern, die für viele lange Zeit als altmodisch und verstaubt galt.


Am Anfang war das Blech


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Das Woodstock der Blasmusik startet 2010 in Kopfing im Innkreis. An drei Tagen kommen 9000 Menschen – die Location wird schnell zu klein. Also zieht das Musik-Fest ins 30 Kilometer entfernte Ort im Innkreis um, wo es von Jahr zu Jahr wächst. Inzwischen geht das Festival vier Tage und zählt mehr als 30 000 Besucher.

Mit dem Woodstock hat Simon Ertl einen Mikrokosmos für Blasmusiker und Fans geschaffen. Der Gründer und Veranstalter ist selbst studierter Musiker und Trompeter in der Kapelle MaChlast. Woher der Name des Festivals komme? „Das Woodstock 69 steht für Einzigartigkeit, und unser Festival auch – deshalb Woodstock der Blasmusik“, sagt Ertl. Mit Unterstützung von Familie, Freunden und heimischen Vereinen gelingt ihm jedes Jahr ein neuer Rekord: das Festival gewinnt immer mehr Liebhaber.



Von Donnerstagabend bis Samstagnacht ist der Platz vor der Hauptbühne eine große Partyfläche. Am Sonntag – wenn dort Biergarnituren aufgebaut werden und sich das Areal in einen Volksfestplatz verwandelt – wird es ruhiger, gemütlicher. Tag der volkstümlicheren Töne. Man sieht Familien mit kleinen Kindern und Pärchen, die zu traditioneller Blasmusik Arm in Arm tanzen. Für die Besucher, die die Nächte zuvor durchgefeiert haben, ist dieser letzte Tag eine kleine Verschnaufpause vor dem Aufbruch.



Das ist das Besondere an diesem Festival: Alle Generationen kommen zusammen, um jeweils unterschiedliche Facetten der Blasmusik zu hören. Beim Woodstock treffen sich 16-Jährige zum Feiern und 80-Jährige zum sonntäglichen Frühschoppen, Familien kommen für einen Ausflug vorbei und Hobbymusiker lassen sich von den Profis auf der Bühne inspirieren. Das richtige Outfit für dieses Festival, egal wie alt man ist: Dirndl und Lederhosen.

Die Stimmung des Festivals ist einzigartig, sagen Besucher wie Künstler. Die Fans feiern die Musik hier auf eine ganz eigene Weise, meinen Sänger Keno und Saxofonist Marcus Kesselbauer von der Urban-Brass-Band Moop Mama. „Konzentrierter Blasmusikfanatismus“ nennen es Bartholomäus und Andreas von HMBC.



Tradition trifft Moderne


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Auf den vier Bühnen spielen traditionelle Blaskapellen aus dem Dorf nebenan, Urgesteine der Szene wie Haindling oder Bands, die Blasmusik neu erfinden, wie LaBrassBanda und Moop Mama. Auch das Funk-Ensemble Tower of Power hat schon in dem Örtchen gespielt. Von Marschmusik bis Hiphop, von Volksweisen bis Crossover – es gibt kaum eine Musikrichtung, die es beim Woodstock nicht gibt.

In diesem Jahr waren 76 Bands zu sehen, darunter Größen wie der australische Jazztrompeter James Morrison, die Vorarlberger von HMBC, das Wiener Bläserensemble Mnozil Brass mit ihrem Trompeter Thomas Gansch, die Mainzer Brass-Band Marshall Cooper, Hazmat Modine mit Blues und Klezmer aus den USA, Shantel & Bucovina Orkestar  mit Balkanpop und die bayerische Kapelle Josef Menzl.

Als einer der Hauptacts zum fünften Geburtstag spielten 2015 Django 3000, die Gipsy-Disco-Rocker aus dem Chiemgau – ganz ohne Blechinstrument. Das Festival öffnet sich auch für Musik ohne Bläserelemente, sagt Veranstalter Simon Ertl. Dafür gibt es seit 2015 die Allerhand-Stage, wo auch Alternatives wie Alpenrock und Musikkabarett zu hören ist.

Und doch schafft es bei diesem Festival nur das Blech, die Fans so richtig zu begeistern. Blasmusik ist wieder in, sagt Simon Ertl. Weil Tradition und Moderne sich vereinen.



Jammen aufm Zeltplatz


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Auf dem idyllischen Festival-Areal entsteht jedes Jahr eine eigene kleine Welt für Blasmusik-Liebhaber. Unter den Füßen die Wiese, über dem Kopf der Himmel, ringsherum Bäume und ein Bach, der am Gelände vorbeifließt. Hier kühlen sich die Besucher gerne mal ab.

Die einen reisen im eigenen Traktor samt Schlafanhänger an, andere schlafen im Wohnmobil oder – der Klassiker – im Zelt. Sehr viele Gäste sind selbst Blasmusiker und bringen ihre Instrumente mit.

Einer der Höhepunkte beim Woodstock ist das Gesamtspiel, das 2015 erstmals stattfand. Mehr als 8000 Fans kamen heuer am Samstagmittag vor der Hauptbühne zusammen, ausgestattet mit ihrem Instrument und den ausgedruckten Noten, die dem Vordermann einfach auf den Rücken geklebt werden.

Und dann legt das gigantische Orchester los. Sechs Stücke standen in diesem Jahr auf dem Spielplan, darunter der Bayerische Defiliermarsch,  die Südböhmische Polka und natürlich der „Woodstock der Blasmusik“-Marsch. Entschieden haben das die Besucher, im Internet hatten sie im Vorfeld mehr als 86 000 Stimmen abgegeben.

Musik ist an den vier Festivaltagen überall zu hören, auch auf dem Zeltplatz. Hier finden sich Hobbymusiker zusammen, zu Jam-Sessions unterm Partypavillon.



Die meisten Besucher sind Stammgäste, kommen schon seit Jahren. Da macht es auch nichts aus, wenn ein Unwetter kommt, den Boden in eine rutschige Matschfläche verwandelt und ein Konzert kurzzeitig unterbrochen werden muss. Die harten Fans harren vor der Bühne aus, 2015 haben sich auch die Musiker von Moop Mama vom strömenden Regen nicht abhalten lassen, bis in die Nacht hinein auf der Bühne zu feiern. Und auch in diesem Jahr tat das schlechte Wetter der Stimmung bei den Künstlern und vor allem beim Publikum keinen Abbruch.

Am letzten Tag des Festivals räumen die Besucher erschöpft, aber glücklich den Camping-Platz. Und jeder, den man fragt, möchte wiederkommen.



Mehr Infos zum Festival gibt es unter www.woodstockderblasmusik.at.