So kam die Flut über Simbach

So kam die Flut über Simbach

Wie konnte es zu den verheerenden Überschwemmungen in Simbach kommen? Über eine Woche nach der Flut hat nun die Ursachenforschung eingesetzt. Die PNP zeichnet den Verlauf der Flut nach und erklärt die neuralgischen Punkte.

Alle Berichte, Fotos und Videos zum Thema finden Sie auch auf der PNP-Sonderseite zum Hochwasser 2016.

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Die starken Regenfälle am Mittwoch, 1. Juni,  lassen im ganzen unteren Inntal die Bäche rund um Simbach anschwellen. Doch dabei bleibt es nicht, wie man am Beispiel des normalerweise  beschaulichen Antersdorfer Bachs sieht. Dieser verwandelt sich innerhalb kürzester Zeit so wie alle Bäche im Umkreis  in einen reißenden Strom. In einer Senke zur Antersdorfer Mühle hält schon bald die Brücke den Massen nicht mehr stand und bricht. Das Durchlassrohr unter der völlig zerstörten Brücke  wird fast 50 Meter weiter gespült. Durch die steilen Hänge links und rechts des Ufers nimmt  der Antersdorfer Bach vermutlich  noch weiter an Fahrt auf.  Geröll und entwurzelte Bäume werden  mitgerissen  verwandeln sich in reißende Geschosse.

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Unterhalb von Steghäuser fließen der Antersdorfer Bach und der Kirchberger Bach zusammen, werden zum Simbach.  Als hier die Wassermassen der Bäche zusammentreffen, entsteht zunächst ein  riesiger Stausee.   Ein Teil der Straße  bei Steghäuser wird weggerissen, die anliegenden Häuser auch hier überschwemmt.

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Der Stausee bildet sich nicht zuletzt deshalb, weil der Durchlass unter der Straße, die zum Schulzentrum führt, für die riesige Wassermenge samt Geröll, Schlamm und Treibholz zu klein ist und möglicherweise verstopft wird. Die Folge: Die Straße wirkt zunächst wie ein Damm, kann aber schon bald den Wassermassen nicht mehr Stand halten. Gegen 15 Uhr bricht sie oberhalb des Sägewerks Eiblmeier auf 40 Metern Breite einfach weg. Das Schulzentrum wird abgeschnitten. Ein Augenzeuge sieht eine Tsunami-artige Welle nach Simbach rollen.

Die drei Meter Durchmesser des Durchlassrohrs gelten für „normale“ Hochwasser eigentlich als ausreichend. „Seit 40 Jahren hat es hier noch nie Probleme gegeben. Es wurde sogar mal gesagt, ob dieser riesige Durchlass für den kleinen Bach nicht doch zu groß sei“, erinnert sich Stadtbaumeister Wolfgang Hengge. Die Hauptschuld für die Katastrophe sieht Hengge dennoch nicht in diesem Rohr: „Das war eindeutig der Regen.“ Für alles gebe es Vorschriften, alles sei reglementiert. Auch hier habe man sich an alle Vorschriften bezüglich der Dimension gehalten, so Hengge. „Ob ein Rohr zu klein ist, weiß man leider erst, wenn es zu klein wird.“
Auch Michael Kühberger, Amtsleiter des Wasserwirtschaftsamts Deggendorf, betont: „Ein verstopftes Rohr allein war sicherlich nicht die Hauptursache. Selbst wenn diese Straße nicht gebrochen wäre, wäre Simbach massiv unter Wasser gestanden.“ Sicher sagen könne man nur, dass dieser Straßenbruch auf einer Länge von rund 40 Metern die Katastrophe „sicherlich ungünstig beeinflusste bzw. verschärfte“.
Laut Kühberger steht die Ursachenforschung erst am Anfang. „Es ist zu früh, gesicherte Aussagen zu treffen“, erklärt der Amtsleiter. Man sei nun auf Zeugenaussagen angewiesen und man habe bereits ein Hochschulinstitut, das sich mit Dammbruchszenarien beschäftigt, beauftragt. Eine Lösung für diesen Bereich werde aber so schnell nicht gefunden: „Das ist eine langwierige Sache“, ist sich Kühberger sicher. Sicher sei, dass in ganz Bayern die Durchlässe nach der Katastrophe in Simbach überprüft werden. „Es stellt sich da nur die Frage, auf welche Ereignisse legt man künftig diese Durchlässe an. „Man kann sicherlich nicht alle an diesem extremen Ereignis bemessen und verbessern“, ist Kühberger überzeugt.

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Die Flutwelle erreicht kurz nach 15 Uhr die B 12.  Auch  hier kann das  Durchlassrohr  unter der Bundesstraße die  Flut nicht bewältigen und in Bahnen lenken.   Zwar hält der Straßendamm  den Druck von Norden aus, doch  das Wasser sucht sich einen anderen Weg und überspült die Bundesstraße. Erst im südlichen Bereich –  bei  der Abfahrt auf die B 12 Richtung Pocking – wird sie unterspült, bricht ab. Es bildet sich ein  riesiges Loch in die Straßenabfahrt.

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Durch die  hereinströmenden Wassermassen  steigt der Pegel  im Stadtbereich immer schneller.  Zusätzlich zu den Wassermassen von oben – bis zu 170 Liter auf den Quadratmeter innerhalb weniger Stunden –  bahnt sich der reißerische Simbach seinen Weg in die Innenstadt. An der Passauer Straße, Ecke Bachstraße,  reißt die Flut einen Teil der Straße mit. Die Brücke selbst hält.

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Wasser, Schlamm, Geröll, Treibholz aus dem gesamten Hügelland hinter der Innstadt erreichen den untersten Teil des Simbachs. Hier schützt eigentlich ein Damm die Siedlungen links und rechts des Baches, bevor er in den Inn fließt. Dieser hat keine Chance, die Wassermassen lassen ihn brechen auf einer Länge von fast 100 Metern an der Wilhelm-Dieß-Straße Ecke Kreuzberger Weg. Fünf Menschen sterben in diesem Bereich.
Als das Wasser verschwindet, wird die Zerstörung sichtbar. Mit schwerem Gerät hat das Wasserwirtschaftsamt so schnell wie möglich den gebrochenen Damm wieder aufgebaut, damit bei erneutem Regen keine Gefahr mehr besteht. Allerdings sind alle Arbeiten im Moment nur vorübergehende Lösungen. Kühberger ist sich sicher: „An einer endgültigen Version müssen wir noch arbeiten. Das wird uns noch lange beschäftigen.“