Written by Korbinian Klinghardt

Nackte Gewalt

Nackte Gewalt by Korbinian Klinghardt

Käfigkämpfe sind brutal und umstritten. Nahezu jedes Körperteil darf als Waffe verwendet werden, von der Ferse bis zum Ellenbogen. Im Kampf sind Schlag-, Tritt- und Würgetechniken der verschiedensten Kampfsportarten erlaubt. Wegen der extremen Gewalt sind die Kämpfe in Deutschland nicht im Fernsehen zu sehen. Die Kämpfer sehen sich nicht als Schläger, sondern wollen als Sportler wahrgenommen werden.

Immer wieder schnellt Ali Reza Sarwaris linke Faust nach vorne, landet präzise im Gesicht seines Gegners. Die Treffer sind hart. Mit einer routinierten Handbewegung wischt sich Sarwaris Gegner das Blut ab, das aus seiner Nase tropft und kämpft weiter. Wie zwei aggressive Raubtiere bewegen sich beide Kontrahenten im Oktagon, der 36 Quadratmeter großen, achteckigen Kampffläche, die von Maschendraht umzäunt ist. Jeder lauert auf den einen Moment, den anderen bewusstlos zu schlagen. Plötzlich schießt David Hyseni   nach vorne. Er rammt Sarwari mit der Schulter zu Boden, kniet über ihm und schlägt mit seiner rechten Faust wie mit einem Hammer mehrfach auf den Kopf des am Rücken Liegenden ein. Nur mit einem enormen Kraftakt, indem er seinen Gegner mit den Füßen von sich stößt, gelingt es Sarwari sich zu befreien…

Was aussieht wie eine wilde Straßenschlägerei, ist eine Kampfszene eines Mixed-Martial-Arts-Turniers (MMA), das neulich in Straubing veranstaltet wurde. Sich aus solchen Gefahrensituationen zu lösen,  in einer Phase höchster körperlicher und mentaler Anspannung Ruhe zu bewahren und aus der Verteidigung heraus wieder anzugreifen, trainiert Ali Reza Sarwari seit gut zweieinhalb Jahren. Kurze Zeit nachdem er aus seinem Heimatland Pakistan wegen des Terrors der Taliban nach Deutschland geflohen war, begann er, in Passau Kampfsport zu trainieren. Viermal die Woche lernt der 27-Jährige unter Anleitung seiner Trainer Marco Schweighofer, Goran Jaksic und Jakob Waldinsperger im Passauer Fight Club Knockout, nahezu sämtliche Körperteile – von der Ferse bis zum Handrücken – als Waffen im Kampf einzusetzen. Sarwaris Spezialdisziplinen sind Muay Thai – eine Kampfsportart, die wegen des Gebrauchs von Ellenbogen und Knien zu den härtesten der Welt zählt – sowie Brazilian Jiu-Jitsu, eine Bodenkampfdisziplin, bei der Würge- und Haltegriffe angewendet werden.

„Wir sind Sportler, wir wollen als Sportler akzeptiert werden“, ermahnt Ringrichter Jan Vobornik beim obligatorischen Rules-Meeting die 18 Käfigkämpfer nur wenige Stunden vor dem Turnier in Straubing. Dass Vobornik genau weiß, wann er als Ringrichter dazwischen gehen muss, sieht man ihm an. Seine Ohren sind durch Gewalteinwirkung entstellt – wie Blumenkohl wölben sie sich nach außen. Auch Vobornik ist ein Käfigkämpfer.

„Seid fair und gestaltet den Kampf von euch aus.“

Das Mixed-Martial-Arts-Event findet in der verglasten Vorhalle eines Garteneinkaufszentrums statt. Das Motto: Young Blood Night. „Seid fair und gestaltet den Kampf von euch aus“, sagt Vobornik, ehe er auflistet, was im Oktagon verboten ist: Schläge auf den Hinterkopf, Angriffe auf die Wirbelsäule, Finger in die Augen drücken oder „twelve to six ellbows“, also Schläge mit dem Ellenbogen, die von oben nach unten ins Gesicht des Gegners durchgeführt werden.
Gekämpft werden drei Runden à fünf Minuten. Schutzbekleidung für Schienbein und Knie sind nicht erlaubt. Um die Verletzungsgefahr zu reduzieren, tragen die Kämpfer lediglich Handschuhe, die die Faust bedecken. Fingerspitzen und  Handinnenseiten sind frei, damit die Kampfsportler greifen, klammern und würgen können. Robert Nossol, der schon viele Käfigkämpfe in Bayern organisiert hat, übersetzt die Regeln für die ausländischen Sportler, die beispielsweise aus Ungarn oder Polen angereist sind. Abschließend stellt Nossol klar, dass „Dschihad-Lieder“ zum Einzug in den Käfig nicht erlaubt sind. „Wer keine Musik hat, kriegt Biene Maja oder Anton aus Tirol.“

Beim Anblick der Athleten ist es kaum vorstellbar, dass sie sich  im Käfig nur mit einer kurzen Sporthose bekleidet gegenüberstehen und bis aufs Blut schlagen. Viele sind tätowiert – an Hals, Oberarm oder Wade. Trotz ihres grobschlächtigen Aussehens – außerhalb des Oktagons ist der Umgang untereinander professionell und fair. Pöbeleien gibt es nicht. Im Gegenteil: Dass sich Kampfsportler wie eine große Familie betrachten, wird hinter den Kulissen deutlich. Alle Kämpfer sind im selben Aufenthaltsraum untergebracht. Man unterhält sich, macht sich nebeneinander warm. Der gegenseitige Respekt, die wechselseitige Akzeptanz als Sportler ist klar erkennbar. 76,5 Kilogramm, 500 Gramm unter dem Limit, zeigt die Waage am Vortag des Kampfes bei Sarwari an. Damit ihm im Käfig  nicht die Kraft ausgeht, muss er nach dem offiziellen Wiegen Kohlenhydrate zu sich nehmen. Mit den anderen Sportlern stärkt  sich Sarwari am Kampftag am Buffet mit Nudeln und Thunfisch. Dass er das Oktagon dieses Mal als Sieger verlassen wird, davon ist er überzeugt: „Ich bin optimistisch.“ Seinen ersten Kampf im Februar dieses Jahres hatte er durch Knockout verloren. Heute soll es anders laufen. Entscheidend sei, dass er seine Deckung oben halte. „Wenn ich nicht auf meine Deckung achte, brauche ich nicht kämpfen“, ermahnt ihn Muay Thai Trainer Marco Schweighofer.
Bevor Ali Reza Sarwaris Hände mit Tape verbunden werden, bevor er seine schwarzen MMA-Handschuhe anzieht, den Tiefschutz anlegt und in die rot-schwarze Kampfhose schlüpft, an deren rechter Seite ein silberner Gladiatorenhelm prangt, geht er ins Freie, schnappt frische Luft und konzentriert sich. Vor dem Gartencenter warten Samier und Fouzia, Sarwaris in London lebende Geschwister. Sie sind stolz auf ihren kleinen Bruder. Angst um ihn haben sie nicht. „Er ist ein starker Mann, deswegen mache ich mir keine Sorgen um ihn“, sagt seine Schwester Fouzia.

Am Abend wird es ernst für die Käfigkämpfer. Die Halle ist voll. Rund 350 Menschen wollen das Spektakel erleben, das wegen der Brutalität auf der Kampffläche und seiner martialischen Inszenierung an Gladiatorenkämpfe im antiken Rom erinnert. Damit sich die wartenden Zuschauer nicht langweilen, werden sie von einem DJ unterhalten, das Bier fließt. Im VIP-Bereich, der sich unmittelbar ans Oktagon anschließt, wird Schweinebraten mit Kartoffelknödel serviert. Die VIP-Zuschauer trinken Prosecco aus der Dose, während die Kämpfer ins Oktagon ziehen.
Sawaris Blick ist starr, er ist im Tunnel. So beschreiben erfahrene Kämpfer ihren Zustand, wenn sie sich auf das, was sie im Ring erwartet, konzentrieren. Vom Lärm und Geschrei des Publikums, von der lauten Musik nehmen sie dann wenig bis kaum etwas wahr – jetzt zählt nur noch die Stimme des Trainers. „Ali, wenn du nah bist, bring deine Ellenbogen mit rein“, lauten die letzten Anweisungen. Bevor Ali Reza Sarwari in den Käfig steigt, tastet ihn der Ringrichter kurz ab. Handschuhe, Tief- und Zahnschutz sitzen, Sarwaris Gesicht wird mit Vaseline eingerieben. Er zieht sein T-Shirt aus, steigt die Stufen zur Kampffläche empor und wartet auf seinen Gegner – dann fliegen die Fäuste.

„Die Leute wollen bloß Blut sehen, die haben keine Ahnung, was MMA ist.“

„Gib’ ihm böse“, ruft ein junger Mann aus dem Publikum. Die Zuschauer feiern jeden Schlag, sie klatschen, grölen und machen Filmaufnahmen und Fotos mit ihren Smartphones.  Je näher am Käfig, desto besser. An sauberer Schlagtechnik haben die wenigsten Interesse. Viele scheinen sich an der puren Gewalt ergötzen zu wollen. „Die Leute wollen bloß Blut sehen, die haben keine Ahnung, was MMA ist“, sagt Organisator Robert Nossol. Ähnlich sieht es Sarwaris Trainer Marco Schweighofer. Für ihn steht der sportliche Wettkampf und nicht die Unterhaltung der Menschen im Vordergrund: „Wir sind nicht wegen der Zuschauer da.“

In der dritten Runde gelingt es Sarwari schließlich, seinen Gegner zu Boden zu ringen. Er umschlingt mit seinem Arm Hysenis Hals und drückt fest zu. Bei diesem Triangle-Choke – so wird der Würgegriff genannt – übt Sarwari so großen Druck aus, dass die Blutzufuhr über Hysenis Halsschlagader unterbrochen wird. Hysenis Gesicht färbt sich bereits dunkelrot. Da er sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien kann und um der drohenden Bewusstlosigkeit zu entgehen, klopft er mit seiner Hand zwei Mal auf den Körper von Sarwari und gibt damit auf.

„Ich bin total glücklich“, sagt Ali Reza Sarwari nach dem Kampf. Allmählich wird das Adrenalin durch das Glückshormon Endorphin ersetzt. Seine Geschwister sind die ersten, die ihm außerhalb des Oktagons gratulieren, ihn in den Arm nehmen. Auch seine Trainer sind zufrieden: „Er hat heute das umgesetzt, was er nach dem ersten Kampf besser machen sollte, er hat Kämpferherz bewiesen“, lobt ihn Schweighofer. Mindestens drei Monate soll Sarwari nun nicht kämpfen, mindestens eine Woche nicht trainieren. Ob sich sein Schützling daran hält, bezweifelt Schweighofer: „Wenn ich sage, komm’ eine Woche nicht, kommt er trotzdem.“