Written by Sebastian Lippert

Plötzlich prominent

Plötzlich prominent by Sebastian Lippert

Zwei junge Bayern legen auf Instagram eine digitale Karriere hin und verdienen mit Fotos von sich gutes Geld. Wie das geht und wie sie das verändert, das zeigt ihre Geschichte.

Die Familie von Carolin Dumler (20) lebt im Wohlstand, Sven Rosenberger (18) ist beliebt. Sie kennen sich nicht. Und doch vermisst sie die Anerkennung, die er bekommt, und ihm fehlt die finanzielle Freiheit, die sie genießt. So melden sich die Deggendorferin und der junge Mann aus Hauzenberg (Landkreis Passau) unabhängig voneinander vor Jahren bei Instagram an. Über die Zeit werden ihre Namen zu Marken, ihre Körper zu Werbeutensilien. Und doch ist ihren Geschichten am Ende nur eins gemeinsam: INSTAGRAM hat sie verändert.

Instagram: Ein digitales Bilderbuch, minütlich millionenfach geklickt und befüllt. So, wie Carolin Dumler es macht. So, wie Sven Rosenberger es getan hat.

Carolin Dumler hat seit wenigen Tagen ein eigenes Management und einen neuen Künstler-Namen: „Karolina.Alexandrova“ –  er soll auf ihre russischen Wurzeln verweisen. (Anmerkung: Im Russischen wird der Name üblicherweise „Alexandrovna“ geschrieben). Auf Instagram folgen ihr heute knapp 72 000 Menschen, ihren neuen Mode-Blog karolinaalexandrova.de besuchen monatlich 20 000 verschiedene Nutzer. Vor zwei Jahren war all das nicht absehbar: Bei Instagram meldete sie sich mal eben an, als „madamecarolin“, privat. Sie wusste nicht, was sie dort erwartet.

Der Hauzenberger hat zu jener Zeit als „svenrsnbrgr“ schon längst Tausende Abonnenten.  Im Frühling 2014, mit 16 Jahren und 7000 Followern im Rücken, macht Sven Rosenberger sich alleine auf nach Hamburg: zu einem Bloggertreffen.

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Selbe Zeit, anderer Ort. Carolin Dumler geht noch zur Schule, auf das Comenius-Gymnasium in Deggendorf. Sie tut es nur ungern. „Ich war früher das typische kleine Mauerblümchen, war schüchtern und hatte eben nicht die meisten Freunde“, erzählt sie, heute mit fester Stimme und ohne eine Miene zu verziehen.

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In Hamburg angekommen, knüpft Rosenberger Kontakte. Ein Freund, den er dort kennen lernt, hievt ihn über die 10 000er-Marke, „seine Shoutouts haben mir echt geholfen zu wachsen“, sagt Rosenberger. Shoutout bedeutet, dass Nutzer mit vielen Abonnenten für kleinere Accounts werben.

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Wenn Carolin Dumler von der Schule nach Hause kommt, öffnet sie Instagram. Ihre Wohlfühlwelt, der krasse Kontrast zur Schule.

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Bald stellt sie Fotos von früheren Hobby-Shootings mit semiprofessionellen Fotografen online. Das zieht, die Zahl ihrer Follower steigt an. „Als es immer mehr Leute wurden, denen das, was ich mache, gefiel, hab ich dadurch gemerkt,“ – sie legt eine kurze Pause ein –  „dass es doch Leute gibt, bei denen ich gut ankomme.“

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Mit dem Hafenwind aus der Hansestadt, den Tipps vom Bloggertreffen, stürmt der Account „svenrsnbrgr“ in nur drei Monaten – Mai, Juni, Juli 2014 – zu 30 000 Followern. Erstmals verdient Sven Rosenberger mit Instagram – bezahlt in Scheinen oder Gratis-Kleidung.

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Die Stimme von Carolin Dumler wird schneller. Sie nimmt den Kopf etwas nach vorn, lächelt über das ganze Gesicht, und sagt: „Über die Zeit hat Instagram mich viel selbstbewusster gemacht. Heute bin ich total offen, kann mit jedem reden – ich kann sogar auf Menschen zugehen!“ Früher, vor Instagram, da habe sie das nie gekonnt.

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Auf seinen Fotos trägt Sven Rosenberger schwarze Mützen, schwarze Lederjacken, schwarze Hosen – „all black“. Der Trend zieht, weil Europa ihn noch nicht kennt.  Was Rosenberger auf den Fotos trägt und zeigt, bekommt er geschenkt. „Kapten & Son“, ein Uhren-verkaufendes StartUp, setzt auf Instagram  – und Rosenberger.

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Auch das junge Münchner Label „Suckmyshirt“ stattet ihn aus. Im Gegenzug muss er die Bilder 24 Stunden online zeigen und die Kleidung mindestens ein halbes Jahr behalten, bevor er sie verkaufen und ebenfalls zu Geld machen dürfte. „Mein halber Kleiderschrank besteht aus diesen Sachen“, sagt er heute. Auch für „Ahoj-Brause“ wirbt er und bekommt 250 Dollar für drei Fotos.

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Am 1. Januar 2015 beginnt Carolin Dumler damit, einen eigenen Blog zu schreiben: Mode, Lifestyle, Reisen – die seichten Themen sind die der „madamecarolin“.

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Rosenberger wird immer umtriebiger, die Follower werden immer mehr. Er schreibt Modelabels und Agenturen an, um Aufträge zu bekommen. Alles läuft nach Plan – bis zu diesem einen Tag.

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„madamecarolin“ ist auf 20 000 Follower angewachsen. Dumler entschließt sich, voll einzusteigen – und mit Instagram Geld zu verdienen. Anfragen kommen genug. Gleichzeitig beginnt sie, an der Fachhochschule Deggendorf Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Es soll nicht von langer Dauer sein.

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Plötzlich kann er sich nicht mehr einloggen. Sven Rosenberger wird schlagartig bewusst, was passiert ist. „Mein Account wurde gehackt, ein Trojaner. 30 000 Abonnenten, einfach weg. Ich war wahnsinnig sauer und enttäuscht von so viel Hass und Neid“, erzählt er heute und starrt dabei Löcher in die Luft.

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Ein Semester lang studiert Dumler, im zweiten hat sie das Interesse längst verloren und 25 000 neue Follower hinzu gewonnen. Sie wächst – als Person, als Profil, als kleine Marke. Ohne Instagram geht es nicht mehr: Auf Urlaub in Schanghai bemerkt sie das besonders, denn China versperrt den Zugang zu Facebook und Instagram. Also rennt sie täglich zum amerikanischen Kaffee-Riesen StarBucks – und loggt sich in dessen Netz, um Bilder wie diese posten zu können.

💦 SUMMER VIBES 💦#spain #mallorca

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Seine Eltern begleiten Sven Rosenberger zur  Kriminalpolizei. „Es geht da ja auch um viel Geld“, sagt er.  Doch die Datenwüste und Server in Russland machen es der Polizei unmöglich, den Hacker ausfindig zu machen. Rosenberger packt der Ehrgeiz, dem zeig ich’s, sagt er sich – und fängt von vorn an.

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Zalando, ASOS, Esprit – es sind die Großen der Branche, die mit Carolin Dumler werben wollen. Über das Jahr 2015 wird es immer mehr, pro Woche flattern mehr als zehn Anfragen herein, alle im Wert eines mindestens dreistelligen Betrags. Es wird viel, zu viel. Sie wendet sich an Blogberater. Seit Mitte Februar lässt „Karolina.Alexandrova“ die Anfragen von einem eigenen Management verwalten: Der Rubel rollt.

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Das war's für mich. Ich will auf Instagram nichts mehr erreichen. Sven Rosenberger.

Rosenberger tut sich schwer. Innerhalb weniger Monate hat er trotzdem wieder 6500 Follower zusammen. Doch weil Rosenberger sich zum Bauzeichner ausbilden lässt, hat er wenig Zeit, sich sein „kleines Imperium“, wie er es immer wieder nennt, wieder aufzubauen. Und dann das: Am 12. Februar 2016 wird er ein zweites Mal gehackt. Ein Tiefschlag: „Das war’s für mich. Ich will auf Instagram nichts mehr erreichen.“

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Carolin Dumler  entschließt sich, Mode- und Markenmanagement zu studieren und schreibt sich am Campus M21 in München ein. Ein Monat an der Privatuniversität kostet 750 Euro, jeden davon finanziert sie selbst – dank ihrer Werbepartner bei Instagram. „Kunden“, nennt sie sie jetzt. Noch vor zwei Jahren hat sie in diesen Läden eingekauft. Heute ist es möglich, über ihren Blog unter der Rubrik „Boutique“ bei ihren Kunden einzukaufen.

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Die Attacke kommt diesmal aus dem persönlichen Umfeld, der zweite Hacker veröffentlicht intime Nachrichtenverläufe aus den Instagram-Chats und verlinkt Rosenbergers Freunde und die Freundin. Es ist offensichtlich: Er will ihn verhöhnen.   Wer das ist, warum er das macht, das weiß Rosenberger nicht. Und er will es auch nicht mehr wissen. „Ich bin skeptisch geworden, wenn ich Menschen kennen lerne“, sagt er nur.

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Carolin Dumler macht weiter und weiter. Sie sagt, sie wirbt nur für das, was ihrer Meinung nach zu ihr passt. Was sie nicht mag, lehnt sie ab, Zigaretten gehören in diese Kategorie. „Ich will schon auch authentisch bleiben“, sagt sie. Doch aus ihrem Hobby ist längst ein Beruf geworden. Aus dem Mauerblümchen von damals eine Geschäftsfrau. Und aus der authentischen, stillen Carolin die blonde Diva Karolina.

Instagram photo by KarolinaAlexandrova * Apr 3, 2012 at 11:58am UTC

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Rosenberger hingegen hat die digitalen Rückschläge mittlerweile verdaut, sagt er. Ein Freund hat ihn davon überzeugt, nebenbei als DJ aufzulegen, Rosenberger entschied sich für den Namen „ENRO“.  Die Kontakte aus seiner Zeit bei Instagram  machen ihm den Einstieg  leichter. Und den Ausstieg aus dem digitalen Bilderbuch nicht ganz so schwer.

Yesterday night. BeachParty – Gottsdorf #wetterwartop #39grad #nicht #next #step #music #dj #lovethecroud

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