Written by Julia Weiss

Im Hexenkessel

Im Hexenkessel by Julia Weiss

Europas größtes Wintercamp für Biker liegt in Thurmansbang im Bayerischen Wald. Nach coolen Typen und kuriosen Geschichten muss man hier nicht lange suchen.


Prinzessin auf Abwegen


Babsi zieht den Saum ihres Brautkleides durch den Schlamm, während sie durch den Hexenkessel von Loh stapft. Bier schwappt aus einem Metallbecher in ihrer Hand. Sie sieht aus wie eine Märchenprinzessin, die sich verirrt hat. Über dem bodenlangen Kleid trägt sie eine Weste aus Fell. Babsi hat im Mai geheiratet – einen Biker. „Mei, ich dachte mir: Wann soll ich es denn sonst nochmal anziehen im Leben“, sagt sie.


Mit dem Mofa um die Welt


„Im Alter liebt er die Entschleunigung, deshalb fährt er mit 25 Stundenkilometer um die Welt. Schreib das“, sagt Thomas und bleckt seine gelben Zähne beim Lachen. Tausende Kilometer ist der 69-Jährige mit seinem Mofa gefahren – von München bis nach Portugal und einmal sogar bis an das Nordkap. Dabei hat er nicht einmal einen Führerschein. „Den brauch‘ ich nicht“, sagt er. „Ich fahr ja Mofa!“ Einen ganzen Sommer war er bis zum Nordkap unterwegs.

Als Anerkennung für seine Reise  hat er von den Hells Angels einen Aufnäher für seine Jacke bekommen. Das hat ein französischer Journalist, den er in Portugal getroffen hat, falsch verstanden und ihn in einem Artikel als Mitglied des Rockerclubs bezeichnet. Als das die tatsächlichen Hells Angels mitbekommen haben, wurden sie wütend, lauerten ihm auf und schnitten den Aufnäher von der Weste. Thomas könnte viele Geschichten erzählen. Sie klingen unglaublich, als wären sie aus einem Buch oder Film, nicht Teil eines echten Lebens. Zum Beweis zieht Thomas ein eingeschweißtes Exemplar des französischen Artikels aus seiner  Jackentasche. „Siehste, alles wahr“, sagt er.

Beim Elefantentreffen ist der 69-Jährige seit 1966 dabei. Wie oft er da war, weiß er ganz genau. Er führt eine Strichliste – tätowiert auf seinem Unterarm. Neben einem kleinen Elefanten. „Damit ich mich auch noch im Altersheim daran erinnern kann“, sagt er.


Leben im Kessel


Der beste Platz im Hexenkessel liegt an der steilsten Stelle. „Da wo es die Kamikaze-Fahrer alle hinlässt“, sagt Bernd und lacht dreckig. Er und seine Freunde haben ihr Lager direkt neben dem Weg aufgeschlagen. Sie sitzen in Campingstühlen in der Sonne und beobachten, wie die Biker an ihnen vorbeidonnern. Ein Fahrer versucht bereits zum dritten Mal, mit seiner Maschine samt Beiwagen den Berg hinaufzukommen. Die Räder drehen durch, der Motor heult auf. Bernd geht in Deckung. Schnee und Matsch fliegen in seine Richtung.

Der Biker ist mit seinen Freunden aus Straubing angereist. Sie campieren vier Tage lang im Hexenkessel. Ihre Motorräder haben sie vor ihrem Lager in einer Reihe aufgestellt. Schließlich geht es beim Elefantentreffen auch darum zu zeigen, was man unter dem Hintern hat. Bernd fährt eine Ural.

Auf ihren Maschinen haben die Freunde aus Niederbayern viel Equipment nach Thurmansbang gebracht. Sie zelten in einem Militärzelt. Drinnen sind sie voll ausgestattet. Geschlafen wird auf Feldbetten, gekocht auf einem gusseisernen Herd, in dem ein Feuer brennt. Heute steht „Ural-Filettopf mit Spätzle und Rahmsauce“ auf dem Speiseplan, der tatsächlich an der Zeltwand hängt. „Und Bier gibt‘s dieses Jahr auch genug“, sagt Bernd. „Das ist uns letztes Jahr ausgegangen.“


„Wellness für Männer“


Wolfgang „Childy“ Kindermann und Petrus Canisius Kaiser sehen wild aus, sind aber eigentlich ganz seriöse Typen. „Ich bin Beamter im mittleren Dienst: Lokführer bei der Bahn“, sagt Childy. „Und ich Kranführer“, sagt Petrus.

„Du würdest dich wundern, was die Leute hier für Berufe haben. Wir haben schon Ärzte und Professoren getroffen.“ Das Elefantentreffen bezeichnen sie als „Wellness-Urlaub für Männer“. „Hier sind wir ganz weit weg von allen gesellschaftlichen Zwängen“, sagt Childy. „Hier fühlen wir uns frei.“