Extrem fit Der Soldatenalltag ist hart - der körperliche Grenzgang reizt auch Zivilisten

Extrem fit Der Soldatenalltag ist hart - der

Von Verena Roider 

Der Takt macht hier die Musik. Marschmusik. Und den Takt machen die Soldaten. In Uniform, mit schweren Stiefeln, einem 15 Kilo-Rucksack und einem 4 Kilo –Maschinengewehr – einem G36 – schlagen sie sich auf ihrem Orientierungsmarsch schweren Schrittes durch die Prärie. Zur Übung. Nicht im Einsatzgebiet, sondern in und um die Freyunger Kaserne. Sie müssen körperlich fit sein. Denn der Soldatenalltag ist vor allem eines: brutal hart.

„So ein Orientierungsmarsch ist eine Belastung der Muskulatur, die Menschen in ihrem Alltag nicht gewöhnt sind“, sagt Alex. Er ist Hauptfeldwebel, eingesetzt in der leichten Spähgruppe in Freyung – als Gruppenführer. Von Punkt zu Punkt müssen sich seine Soldaten heute vorarbeiten. Eine Schnitzeljagd wie bei Kindergeburtstagen. Doch von Spaß kann hier keine Rede sein. Denn obwohl es nur eine Trainingseinheit ist, findet ein Kampf statt. Ein Kampf gegen den inneren Schweinehund. Die Männer und Frauen müssen an ihre Grenzen gehen, alles geben – und noch ein bisschen mehr. Die reinste Plackerei. Und doch sind sie alle aus Überzeugung dabei. Ja, sogar gerne. Warum? Das muss man wohl am eigenen Leib erfahren.

Extrem-Hindernisläufe sind weltweit ein Riesentrend

Im Büro wartet Nadine. Sie ist die Zugführerin und damit die „Chefin“. „Der leichte Aufklärungszug ist der Zug, der hauptsächlich draußen ist“, sagt sie. „Deswegen wird sportlich sehr viel von uns abverlangt.“ Alex pflichtet ihr bei: „Die Soldaten gehören zur oberen Spitze des Bataillons, was die Leistungsfähigkeit angeht. Unser Tagesgeschäft ist nun mal zu Fuß.“ Auch heute geht es für die Soldaten raus auf einen Orientierungsmarsch.

Was die Soldaten hier beinahe täglich absolvieren, hat sich weltweit zu einem Riesentrend entwickelt: Extrem-Hindernisläufe wie Spartan Race, Tough Mudder oder InnRun. Denn einfach nur Laufen ist vielen zu langweilig geworden. Tausende „Freizeit-Soldaten“ machen sich dreckig und fertig – und zahlen viel Geld dafür. Gesucht wird der besondere Kick, die Grenzerfahrung: Raus in die Natur, Wände bezwingen, unter Stacheldraht robben, durch Schlamm schwimmen, eiskalte Tümpel tauchen und Elektrofäden sprinten oder über brennende Heuballen laufen. Zu extrem geht nicht.

Ob man sich kennt oder nicht: Jeder hilft jedem, reicht die Hand oder spricht ermunternde Worte. Alter, Fitness, Religion, Nationalität, Aussehen,… interessieren auf der Strecke keinen. Verschwitzt und dreckig haben alle eines gemeinsam: Sie wollen ihre Grenzen austesten und über die Ziellinie laufen. Denn der Teamgedanke ist allen am wichtigsten. Auch bei der Bundeswehr. Alex erklärt: „Ein Einzelkämpfer kann bei der Bundeswehr nicht bestehen. Wir müssen alles mit dem Trupp erledigen und ausführen. Wir sind eine kleine Kampfgemeinschaft, die alleine nicht bestehen könnte.”

Nur Rucksack und MG trügen das Bild eines Spaziergangs

Noch gemächlich bewegt sich der Trupp kurz nach 8 Uhr aus der Kaserne. Wären nicht der schwere Rucksack und das MG, das schräg vor den Oberkörper gebunden ist und dessen Mündung bei jedem Schritt gegen die Knie schlägt… es könnte beinahe das Gefühl eines Sonntagsspaziergangs aufkommen: Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint bereits am Morgen warm vom Himmel, ein älterer Herr gießt vor seinem Haus die Blumen. Als der Trupp vorbeimarschiert, blickt er hoch, grüßt kurz, aber freundlich, und widmet sich wieder seinem Vorgarten.

Um halb 9 erreichen die Soldaten die Standortschießanlage. Für die leichte Spähgruppe hängt ein Zettel am Zaun, in den sich die Soldaten eintragen müssen: Trupp-Nummer, Uhrzeit und – im besten Fall – „vollzählig“.

Und dann geht es richtig los. Gemütlich marschieren sie los. Ein etwas flotteres Spaziergangs-Tempo, das auch ein Gast von der Zeitung mitmachen kann, ohne außer Atem zu kommen. Auch die 15 Kilo auf dem Rücken sind erträglich. Noch. Denn der Begriff „Orientierungsmarsch“ trügt. Soldat Tarek gibt heute Takt und Tempo vor.

Im Waldstück beginnt Tarek plötzlich zu laufen. Langsame und schnelle Passagen wechseln sich ab. Zieht Tarek das Tempo an, folgt der Rest. Daran gibt es keine Zweifel, keine Diskussion, keine Widerworte. Und so heißt es Füße in die Hand nehmen und rennen: über Wurzeln, Steine, bergab über das rutschige Laub, hinaus auf eine Lichtung. Doch auch hier von Abbremsen keine Spur. Die Soldaten springen über einen Graben und laufen bergauf über das Feld. Allmählich brennen die 15 Kilo auf den Schulter, machen die Schwerkraft deutlich spürbar und ziehen in Richtung Boden. Der reinste Hindernislauf.

Und auch zwischen dem Trendsport Crossfit und dem Militär sieht Nadine einen Zusammenhang: „Burpees (Strecksprung-Liegestütz-Kombinationen), Kettlebell-Swings (Schwünge mit der Eisenkugel) oder auch das Sandsacktragen und Reifenumwuchten: Das sind alles Tätigkeiten, die man sehr wohl aus dem Militär übernommen hat.”

Aber das gibt es auch umgekehrt:

In Freyung ist es gerade einmal kurz nach 10 Uhr. Doch die Schultern brennen, die Lungen lechzen nach Sauerstoff und die Beine sind einfach nur schwer. Endlich dürfen die 19 Kilo G36 und Rucksack abgelegt werden. Die gequetschte Schultermuskulatur dehnt sich wieder aus. Die Soldaten setzen sich am Standortschießplatz ins Gras, holen Energy-Drinks und Powerriegel aus den Taschen. Der Marsch war nur der erste Streich. Auf dem Schießplatzgelände ist ein Parcours aufgebaut.

Soldat Jerry wagt sich als Erster ins Feld. Zugführerin Nadine erklärt die Idee dahinter:

Nach dem letzten Mal Kanister-Hieven ist Jerry die Anstrengung anzumerken: Er stützt sich mit beiden Händen auf den Tisch und braucht in dem Moment nur eines: Sauerstoff. Sein Atem geht schwer, auch nach Trinken ist ihm nicht zumute. Erst einmal wieder ordentlich Luft bekommen.

In Freyung ist es mittlerweile Mittag. Der Fitness-Tracker zeigt knapp 20 000 Schritte an. Das schaffen viele Zivilisten an zwei Tagen nicht. Von ihrem Tagesprogramm haben die Soldaten gerade einmal die Hälfte absolviert. Eine Stunde werden sie Zeit haben, sich zu erholen. Es gibt Eintopf mit Wienern in Plastikschüsseln. Für mehr Geschmack stehen Maggi, Salz und Pfeffer bereit. Für den größeren Hunger Bananen, Äpfel und Pudding.

Die älteren Kameraden wissen. „Heute läuft es bei der Bundeswehr ganz anders als früher. Heute steht der Mensch viel mehr im Vordergrund.” Und für viele Soldaten das Grenzen austesten, das Auspowern, sich fit halten. Und manchmal vielleicht auch das Übertreiben. Denn wenn die Muskeln brennen, die Lungen nach Sauerstoff lechzen und jede Bewegung und jedes Lachen weh tut, dann ist das ein guter Schmerz. Und man will mehr. So geht es wohl auch Nadine, Alex, Tarek, Jerry und Felix. Sie alle haben sich bewusst für die Bundeswehr und damit für die Anstrengung entschieden. Wie es auch die „Freizeit-Soldaten“ tun, wenn sie über Monate trainieren, um sich letztendlich selbst zu zerstören. Doch einen Unterschied sieht Alex dann doch zwischen den Extrem-Hindernisläufen und dem Militär: „Bei der Bundeswehr tue ich Dienst für mein Land.“