Die Griechen und ihre Krise

Die Griechen und ihre Krise

Schulden, Armut, Grexit, Sparmaßnahmen, Reformen, unzählige Gipfel – über Griechenland ist in den letzten Jahren nicht viel Positives berichtet worden. Wir waren in Athen und Thessaloniki und sprachen mit den Menschen dort, um uns ein Bild von dem Land zu machen, das von einer Krise in die nächste stürzt.

Hunderte Menschen sitzen an einem kühlen Märztag gegen Mitternacht in einer Taverne in Thessaloniki. Plötzlich steht ein Bub auf, lässt Messer und Gabel auf dem Tisch liegen, geht auf einen Live-Musiker zu, krallt sich dessen Zither und spielt drauf los. Zwischen Zigarettenqualm und Tzatziki-Dunst springen rund 50 weitere Gäste auf, tanzen, klatschen, singen und schieben dem Buben Geldscheine zu. Geldregen in Griechenland? Ja, das gibt es. Die Gäste in diesem Restaurant feiern ausgelassen. Von Krisenstimmung keine Spur.

Ein Kellner bringt eine Flasche Weißwein und eine Nachspeise und setzt sich an den Tisch. Jamas! (Prost!) Wie es denn in deutschen Restaurants so ist, will er wissen. „In Griechenland ist das ganz normal“, sagt er und bringt eine Rechnung, auf der die Steuer aufgeführt wird – ein gutes Omen. Der Weißwein und die Nachspeise gehen aufs Haus. Nochmals: Jamas!

Diese Szene zu Beginn der einwöchigen Rundfahrt durch Griechenland zeigt, wie die Griechen in Zeiten einer tiefen Krise ihr Haupt aufrecht halten: mit südländischer Gelassenheit. Dennoch sind sie sich ihrer prekären Lage bewusst, wie eine Umfrage bei mehreren Passanten in Thessaloniki und Athen zeigt. Vor der Ankunft an der griechischen Grenze gab es einige Zweifel: Ist die Stimmung im Heimatland der Demokratie schlecht? Leben die Menschen dort im Sparmodus? Muss man sich als Deutscher in Griechenland fürchten?

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Stratos Soumbassakis

„Wir lieben alle Deutschen“, macht der Rentner Stratos Soumbassakis (62) gleich zu Beginn reinen Tisch mit der Befürchtung, Deutsche seien in Griechenland derzeit nicht gern gesehen. Er diskutiert mit Nachbarn auf einer Terrasse in einer holprigen Wohnstraße am Rande Thessalonikis über die Krise. Mit Wäscheleinen und Stromkabeln scheinen sich die Häuser und Wohnungen hier gegenseitig Halt zu geben. Die Gebäude sind mit Graffiti beschmiert, die Gehwege leer. Streunende Hunde und Katzen jagen sich durch kreuz und quer abgestellte Autos. Parkgebühren scheint man hier nicht zu kennen – Geld, das das Land ebenso gebrauchen könnte wie in der Schweiz geparktes Schwarzgeld.

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Kiriaki Matsangou

Ein Nachbar schreit während der Diskussion von einem Balkon herab. Jeder scheint eine Meinung zum Schuldendrama zu haben. Die Debattierer sind sich einig, dass die Handlungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble schlecht für Griechenland seien: „Wir wollen nicht, dass deutsche Politiker ständig mit dem Finger auf uns zeigen“, meint zum Beispiel Kiriaki Matsangou (78). Kredite mit hohen Zinssätzen seien nicht hilfreich. „Die deutschen Politiker helfen nur gegen Geld“, fügt Soumbassakis hinzu. Die Krise könne gelöst werden, wenn die neue griechische Regierung die Reichen zur Kasse bittet. Dazu müsse ihr Europa aber mehr Zeit lassen. Dann würde Ministerpräsident Alexis Tsipras etwas Vernünftiges auf die Beine stellen, meinen die Gesprächsteilnehmer.

„Wir wollen nicht, dass deutsche Politiker ständig mit dem Finger auf uns zeigen.“ Kiriaki Matsangou

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Bill Kiriakidis

Genug aus der Wohnstraße gehört. Mit dem Taxi geht es an die Hafenpromenade. Das Taxameter läuft regelkonform mit, der Taxifahrer wirtschaftet nicht in die eigene Tasche. Während er sich mit den Rollerfahrern herumärgert, die sich an Ampeln an seinem Auto vorbeidrängeln, läuft im Radio ein deutscher Song. Bill Kiriakidis (35) erzählt, dass er als Taxifahrer mit zehn Euro die Stunde zu den Gutverdienern gehört. Deshalb hält er von höheren Steuern und somit vom griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras nichts: „Er will das Geld von den Wohlhabenden nehmen und nach unten verteilen. Das ist für mich nicht gut.“ Dass die Steuern aber notwendig sind, um das Land zu retten, scheint ihm egal zu sein. Die Politik des Vorgängers Andonis Samaras war ihm lieber, da musste er weniger zahlen.

„Er will das Geld von den Wohlhabenden nehmen und nach unten verteilen. Das ist für mich nicht gut.“ Bill Kiriakidis

Nach 15 Minuten Fahrt ist die Promenade erreicht. Die Einkaufspassagen sind gefüllt, auf der Straße spielt sich der übliche Großstadt-Wirrwarr ab: Hupkonzerte schrottreifer Autos, über die der deutsche TÜV lachen würde, und Rollerfahrer, die diese Wracks als Slalomstangen benutzen. An der Hafenpromenade geben sich High Society und Studenten in kilometerweit aneinander gereihten Bars und Clubs die Ehre. Armut? Nicht zu sehen. Ebenso wenig wie Steuerhinterziehung, zumindest hier – in jeder Bar händigen die Kellner Kassenzettel aus, auf denen die Steuer aufgeführt wird. Alles in geregelten Bahnen. Ganz im Gegenteil zum Hafen nur zehn Gehminuten weiter.

Der Hafen – Jahrtausende lang ein Ort des blühenden Handels. Der antike Glanz war einmal: Die Gebäude stehen leer. Die einen zerbröseln in sich, andere werden als Kino und Ausstellungsraum genutzt. Auf den Anlegeplattformen reihen sich löchrige Schiffswracks, Werftarbeiter sieht man keine. Lediglich ein ärmlich wirkender, frierender Gitarrenspieler, streunende Hunde und Vögel erfüllen die Betonanlagen mit Leben. Ein von der Krise gezeichneter Ort, an dem man nicht bleiben möchte – nichts wie zurück zur zivilisierten Promenade.

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Tanja Arvandidou

Dort eilt die Wirtschafts-Studentin Tanja Arvandidou (20) von der Universität von Makedonia gerade zur Arbeit. Auf die Situation Griechenlands angesprochen, findet sie kurz Zeit: „Es ist eine sehr tiefe Krise. Ich denke, dass unsere Vorgängergenerationen rücksichtslos waren. Es ist nicht unsere Aufgabe, für diese Fehler aufzukommen“, sagt sie und kritisiert, dass viele Länder über Griechenland schimpfen. Sie sieht die anderen EU-Mitglieder in der Pflicht, mehr zu helfen. Deutschland sei mit zu hoch verzinsten Krediten keine Unterstützung – die würden in wenigen Jahren zu noch größeren Problemen führen, so Arvandidou.

„Ich denke, dass unsere Vorgängergenerationen rücksichtslos waren.“ Tanja Arvandidou

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Aredi Gkandaifi

Auch im Krankenhaus von Thessaloniki macht man sich Gedanken über die Krise. Die Ärztin Aredi Gkandaifi (29) denkt, dass die neue griechische Regierung das Land nicht vor der Pleite retten wird – bislang habe man zumindest noch nichts erreicht.

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Alexandra Dzonou

Ihre Kollegin aus dem Krankenhausbüro, Alexandra Dzonou (36), sieht das anders. Sie denkt, dass Tsipras alles regeln könne. Dazu dürfe er aber nicht auf die Troika hereinfallen, die Dzonous Meinung nach Griechenland nur ausnutzt. Anstatt Deutschland die Schuld zuzuschieben, sucht auch sie die Ursache für die hohen Schulden bei den griechischen Vorgängerregierungen, die zu ihren eigenen Gunsten gehandelt haben sollen.

In Thessaloniki sind sich die Befragten der ernsten Lage bewusst, sehen aber nicht Deutschland als Ursache für den großen Schuldenberg, auf dem sie sitzen. Fremdenfeindlichkeit ist nicht zu spüren, die Abneigung gegen deutsche Politiker hingegen umso mehr. Zeit, sich einmal in Athen umzuhören.

Mit dem Auto sind es rund fünf Stunden von Thessaloniki in die Hauptstadt – es würde schneller gehen, wenn nicht alle paar Kilometer ein Mauthäuschen stünde. Da greifen die Griechen ordentlich zu. Ebenso häufig wie diese findet man auf der Strecke auch stationäre Blitzanlagen, die die Aussicht auf idyllische Meeresbuchten stören. „Die sind alle ausgeschaltet“, teilt eine Mautkassiererin mit. Zudem blockieren Ziegenherden teilweise die Straßen. In Athen ist die Verkehrssituation noch chaotischer als in Thessaloniki. Durch eine der verschmutzten Straßen zu fahren, ohne dass ein Rollerfahrer, der sich zwischen kostenlos parkenden und fahrenden Autos durchzwängt, den Seitenspiegel anfährt – keine Chance. Gelassen bleiben.

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Michael Zouzidis

Auf dem Markt in Athen. Ein Verkäufer schwingt den Fisch durch die Luft wie eine Fahne, ein anderer schreit über seine Tomaten hinweg, als ginge es um Leben und Tod. Ein wenig tut es das sogar, sagt Fierant Michael Zouzidis (42), der rund 700 Euro im Monat verdient: „Am Markt kann man die Krise sehen. Keiner von uns hat Geld, um sich Grundlegendes zu leisten. Vor ein paar Jahren war der Markt voll, jetzt ist er leer.“ Er denkt, die Situation sei nur durch Krieg zu lösen, nach welchem neue Strukturen entstehen würden. Russland sei dabei der richtige Partner für Griechenland, meint er.

„Am Markt kann man die Krise sehen. Keiner von uns hat Geld, um sich Grundlegendes zu leisten.“ Michael Zouzidis

Vom Markt aus in Richtung Akropolis passiert man etliche Zeitungskiosks. Auf den Titelblätter der Zeitschriften dominiert die Krise. Am Fuße der Akropolis liegt dann ein einsamer Souvenirshop. Die Verkäuferin Sina Elghazzawi (30) hat Tsipras nicht gewählt, sie hält ihn für ungebildet. Mehr kann sie zur Krise nicht sagen, sie interessiert sich nicht sonderlich dafür. Die Akropolis zeugt vom einstigen griechischen Glanz. Doch derzeit ist sie in ein Gerüst eingehüllt und wird für mehrere Millionen Euro, darunter EU-Fördergelder, saniert – die Parallele zwischen dem Land und seinem bekanntesten Denkmal ist offensichtlich.

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Evangelos Volotas

Unweit von der Akropolis sitzt Evangelos Volotas (65) an einem Brunnen vor dem griechischen Parlament und protestiert für Demokratie, Würde und Solidarität in der EU. Studenten und Geschäftsleute laufen vorbei, würdigen ihn keines Blickes. Volotas hat viel Zeit nachzudenken. Er dachte, Varoufakis könne das Land aus der Krise retten. Seine Forderungen nach Reoarationszahlungen seien eine gerechtfertigte Idee gewesen. Doch Varoufakis war einmal, Volotas wurde eines Besseren belehrt.

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Angelos Kolokouris

Auch der Wirtschaftsberater Angelos Kolokouris (65) ist der Meinung, dass Deutsche nicht für die Fehler Griechenlands aufkommen sollen, aber Reparationen hält er für angebracht. Das Thema sei seiner Meinung nach unter den Tisch gekehrt worden. Wenn Reparationen bislang nicht gezahlt wurden, ebenso wie Staatsanleihen, dann solle diese Schuld beglichen werden, meint er. Dass Griechen nun Deutsche aber deshalb hassen, hält er für falsch. Vielmehr richte sich die Abneigung seiner Meinung nach gegen deutsche Politiker.

Genug gesehen, ab in eine Taverne. Zwei Musiker und ein Gast halten ein „Heil Hitler“ mit empor gestreckter Hand für den passenden Gruß. Die Hände der Männer senken sich wieder, greifen ein Glas Wein, gehen erneut hoch: „Jamas!“

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John Sperelaikis

Die Frage nach der Krise wird lieber einem Kellner gestellt: Dass sein Land Gelder Dritter benötigt, dafür macht John Sperelaikis (33) die griechische Vetternpolitik der vergangenen 50 Jahre verantwortlich. „Und weil wir Griechen dumm sind. Wir haben viele Fehler gemacht. Jetzt müssen wir dafür geradestehen“, sagt er. Den Deutschen macht er keine Vorwürfe wegen zu hoher Kredite, schließlich wisse man, dass man diese zurückzahlen muss. Die griechische Regierung werde das auch schaffen, meint er.

„Weil wir Griechen dumm sind. Wir haben viele Fehler gemacht.“ John Sperelaikis

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Dimitri Joannidis

In dieser Hoffnung geht es nun zurück in Richtung Deutschland, erneut an etlichen Blitzern und Mauthäuschen vorbei. Nochmal Volltanken an der Grenze. „Ich bin seit 30 Jahren in dieser Tankstelle. In den letzten fünf Jahren gab es immer mehr Steuern auf Benzin, keiner kommt mehr“, erzählt Tankstelleninhaber Dimitri Joannidis (55). Er nimmt seine Zigarettenschachtel und erinnert sich, dass diese früher 30 Drachmen gekostet habe – umgerechnet weniger als ein Euro. Jetzt sind es vier Euro. Er zündet sich eine Kippe an, schnauft verzweifelt und lehnt sich in seinen Sessel zurück. Mit Tsipras solle alles besser werden – bislang würde er seine Sache gut machen, ist Joannidis überzeugt.

„In den letzten fünf Jahren gab es immer mehr Steuern auf Benzin, keiner kommt mehr.“ Dimitri Joannidis

Kaum in Deutschland angekommen, rät ein Radiomoderator, keinen Urlaub in Athen oder Thessaloniki zu buchen. Die Stimmung dort sei zu schlecht. Eine Flasche des griechischen Weißweins aufs Haus am ersten Abend in Thessaloniki, die im Rucksack gelandet ist, erinnert jedoch an ein ganz anderes Bild – die Griechen sind sich ihrer Krise bewusst, begegnen ihr aber erhobenen Hauptes. Deutsche machen sie dafür nicht verantwortlich, nur die Politiker. Jamas!