Sie legen Hackern das Handwerk

Sie legen Hackern das Handwerk

Als Wolfgang Grum zum ersten Mal in einen Streifenwagen stieg, hat er nicht erwartet, dreißig Jahre später einen Selbstmord vom Schreibtisch aus zu verhindern. Oder eine Amok-Drohung über soziale Netzwerke aufzuklären. Oder in den Tiefen des Darknet nach Pädophilen zu suchen.

Grum, ein breit gebauter Mann Mitte 40, in weißem Hemd und beiger Cordhose, sitzt im dritten Stock eines grauen Betonklotzes aus den Siebzigerjahren. Vor ihm stehen vier Computerbildschirme, hinter ihm grüne Topfpflanzen. Die Jalousien sind zugezogenen, Kabel und Listen liegen quer über den Tisch verteilt. Von hier folgt er den Fährten Krimineller im Netz. Wolfgang Grum ist Cybercop und Teil des neuen Kommissariats für Cyberkriminalität in Passau: K11.

Im März dieses Jahres legte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann seine Strategie für mehr Cybersicherheit vor. Teil dieser Strategie ist es, eigene Kommissariate für Cybercrime in den Kriminalpolizeiinspektionen einzurichten. Seit 2002 kümmert sich die Kripo Passau bereits um Cyberdelikte, bis jetzt mussten jedoch Wirtschaftskommissare diese Fälle klären.

2009 wurde Grum Teil diese Spezialisten-Teams – „aus dienstlicher Notwendigkeit“, so sagt er. Sein erster Fall bezog sich auf geklaute Premium-Accounts eines Telefondienstleisters. Es ging weiter mit EC-Kartenmissbrauch und Erpressung. 2017 legten Hackerangriffen ganze Unternehmen und Krankenhäuser lahm, verkaufen Täter Rauschgift und Bombenbausätze in Foren der Underground Economy, im Deep Web und Darknet. Bereiche des Internets, die der breiten Öffentlichkeit verborgen bleiben.

Nach Informationen des bayerischen Innenministeriums entstand im vergangenen Jahr ein Schaden von 17,5 Millionen Euro durch Straftaten im Internet. Das entspricht knapp 25.000 Cybercrime-Fällen. Genaue Zahlen für die Region zu definieren, sei jedoch schwer, sagt Grum: „Diese Delikte passen nicht in die Schablonen der alten Kriminalstatistiken.“ Oft bleibe unklar, wer sich hinter einer Tat verbirgt, wo die Tat überhaupt passiert ist. „Die Opfer kommen ja nicht einfach mit blauem Auge auf die Wache und erzählen uns, wer sie geschlagen hat.“


Vom IT-Spezialisten zum Beamten


Alles ist heute mit elektronischer Datenverarbeitung verbunden. Unternehmen, Schulen, Menschen. Das weiß auch Kriminaloberrat Alfons Rösser, der Leiter der Kripo Passau. Unter Cyberkriminalität verstehe man heute alles, von der Verbreitung von Kinderpornografie im Internet über „Phishing“ persönlicher Zugangsdaten, den Handel mit Waffen bis hin zu Netzwerkeinbrüchen.

Die Kripo Passau bildet derzeit zwei IT-Spezialisten durch ein einjähriges Programm zu Polizeibeamten aus. Das Grundwissen durch ein Informatikstudium ist essenziell, sagt Rösser. In diesem Jahr sollen laut Innenminister Herrmann 70 neue Cyberbeamte in Bayern eingestellt werden.

„Das Darknet ist Tummelplatz aller Arten finsterer Gesellen“<br />
Alfons Rösser, Leiter Kripo Passau

„Die extreme Zunahme der Fälle passt perfekt ins Bild der Kriminalgeschichte“, sagt Grum: Es finde hier eine Verschiebung der Tatorte statt. „Heute überfällt kaum noch jemand eine Bank. Dort wo mehr Sicherheit herrscht, passiert natürlich weniger.“ Das Internet bietet derzeit viele Sicherheitslücken.

„Das Darknet ist ein Tummelplatz für alle Arten von finsteren Gesellen“, sagt Rösser. Doch es ist nicht nur die Anonymität und Grenzenlosigkeit des Internets, die Undurchsichtlichkeit des Darknet, es sind auch die hohen Datenschutzbestimmungen, die die Cybercops in Deutschland vor große Herausfoderungen stellen: „Wir bewegen uns immer in Grenzbereichen, müssen uns immer wieder die Frage stellen: Was ist rechtlich in Ordnung, was dürfen wir nicht?“


Tatort Darknet


Liegt eine Straftat vor, müssen Grum und sein Team in die Privatsphäre der Beteiligten eindringen. Da sei es egal, ob ins Schlafzimmer oder in einen privaten Chatroom.

Der Staat müsse sich dahingehend Gedanken machen, sagt Polizeioberrat Rösser. Die Menge der Daten nehme ständig zu, Datenstrukturen würden sich schnell verändern, „es ist unumgänglich, bestimmte Bereiche für die Polizei zu öffnen“. Dem neuen Kommissariat komme zudem eine beratende Funktion zu, Rösser appelliert an das Verständnis der Bürger: „Wir versuchen, über Datenklau aufzuklären, stoßen aber häufig auf taube Ohren“.

Die Kripo Passau verzeichnete in den letzten Jahren auch einige Erfolge im Bereich Cybercrime: Vor etwa einem Jahr stellten die Beamten den Urheber einer Amok-Drohung fest, die über die Plattform „Jodel“ verbreitete wurde. Die Cybercops kooperierten bundesweit, als sie die Identität einer Frau feststellten, die auf Facebook ihren Selbstmord ankündigte. Sie arbeiten häufig sogar europaweit zusammen, wie im Falle eines ungarischen Betrügers, der gefälschte Paypal-Accounts nutzten, um hunderte Pakete ins Ausland zu bestellen.

Ob im Darknet auch „V-Männer“ eingesetzt werden? Das will Grum nicht preisgeben, „wir werden mit allen Möglichkeiten arbeiten, die ein Ermittlungsbereich hergibt“. Bei Themen wie der digitalen Währung Bitcoin arbeiten die Cybercops beispielsweise auch mit Universitäten zusammen. Sie versuchen so in der virtuellen Verfolgungsjagd aufzuholen. Doch der Vorsprung bleibt bislang bei den Tätern.

„Das neue Kommissariat ist ein wichtiger Schritt Richtung Zukunft“, findet Rösser. „Aber langfristig brauchen wir zusätzliche IT-Spezialisten in allen Bereichen“.